Berliner MieterGemeinschaft e.V.

Interessengemeinschaft und Beratung für Berliner Mieter
MieterEcho 399 / November 2018

Volksbedarf statt Luxusbedarf

Vom Bauhaus zum komplexen Wohnungsbau (Teil 1): Staat, Plan und Technik als Grundlagen der klassischen Moderne

Von Simone Hain

Einige Studierende hatten feuchte Augen: „Wir möchten dem Himmel danken, dass es so etwas überhaupt gegeben hat! So etwas unsagbar Großes, Schönes macht uns stolz auf unseren Beruf.“ Auf einer Bauhaus-Exkursion meines Instituts war es überraschenderweise nicht der Dessauer Glaspalast, jenes ikonische Bauhausgebäude von Walter Gropius gewesen, der die Emotionen der Teilnehmenden zum Überlaufen brachte, sondern der eher archaisch anmutende der Wohnungsbau in der Mustersiedlung Törten. Was muss geschehen sein, dass der durch spätere massenhafte Großanwendung nahezu banal gewordene Erstling der industriellen Baukastenarchitektur inzwischen wieder leuchten kann? Fast 100 Jahre sind seit dem Experiment Bauhaus vergangen, und – die entgeisterten Reaktionen meiner Studenten, die sich ihr Studium als billige Büromitarbeiter in Wohnbauunternehmen verdienen, ließen es erahnen – wir fangen gerade wieder von vorne an.


Europa hat eine neue Wohnungsnot und es sind gerade die elementaren Formen und Standards auf dem niedrigen Level von 1926, die wieder wie eine Verheißung wirken. Denn alles, was wir heute bauen, verfehlt den elementaren Bedarf. Infolge der neoliberalen Deregulierung und im Ergebnis der jüngsten Weltfinanzkrise wächst europaweit der Anteil der Wohnbevölkerung, die sich auf einem knappen Markt nicht mehr bedürfnisgerecht versorgen kann. Andererseits ist der Markt zu Zeiten der sozialen Wirtschaft den Entwicklungen der Löhne und Einkommen immer munter vorausgeeilt. Er hat Behaglichkeits-Standards und ästhetische Ansprüche generiert, die alle verfügbaren Einkommensbestandteile der Mieter/innen auffressen, marktgetrieben auffressen muss. Die Bilder aus „Schöner Wohnen“ und Wärmedämmverordnungen verteuern die Baukosten genauso wie die internationale Spekulation mit deutschen Wohnbauimmobilien. Dass es einmal rückwärts gehen könnte in der Gesellschaft, dass auch die Deutschen relativ verarmen würden, war – jenseits von Kriegen und jener fast vergessenen Weltwirtschaftskrise von 1929 – noch nie vorgekommen. Nun brachen meine jungen Architekturstudenten fast zusammen, als sie die Komposttoiletten und schmalen Selbstversorgergärten in Dessau-Törten sahen. Mehr gefühlt als noch verstanden, blitzte in ihnen die Erkenntnis auf, dass das, was heute in Massen gebraucht wird, ungefähr so aussehen müsste wie diese materiell roh und raumklimatisch hart wirkende Siedlung der 20er Jahre: nackte solide Baukonstruktion ohne teure Ausbauten und Installationen. Die Siedlung wirkt gefühlt kalt, wird aber alternativ bewirtschaftet mit wohnungszentrierte Kreisläufen, Kochmaschinen, Bienenweiden, Außenwohnraum mit Obst- und Beerensträuchern, Hängematten und Werkstattschuppen für die viele freie Zeit, die die durchschnittlichen Bewohner/innen heute haben. Es sind Wohnungen für vier oder mehr Personen und einem ökologisch kleinen Fußstapfen: minimaler Flächenverbrauch, maximales Recycling – kein verschwenderischer Luxuswohnungsbau, sondern Bauen für ein soziales wie ökologisches Minimum.
Vom Dessauer Experiment an hat es ein halbes Jahrhundert gedauert, bis mit einer Losgröße von 130.000 Wohnungen ab 1978 in Berlin-Marzahn die größte Plattenbausiedlung Europas errichtet wurde. Das mit markanter Skyline in schwungvoller freier Bebauung großplastisch arrangierte Gefüge setzt sich wie ein Bienenstock aus immer den gleichen Elementen zusammen. Keine der anderen Großsiedlungen macht unter dem Berliner Himmel eine annähernd so gute Figur. Neben den selbstverständlichen Wohnfolgeeinrichtungen gehörten angefangen vom Rathaus bis hin zum Hauptpostamt, Kino, Kulturzentrum, Galerie, Schwimmhallen, Einkaufskomplexen, hochwertigen Parks auch die komplette Dienstleistungsstruktur eines autonomen Stadtteils zum Wohnungsbauprogramm. Parallel zur S-Bahn, mit der man innerhalb einer halben Stunde den Alexanderplatz erreichte, wurden wohnungsnah Arbeitsstätten angesiedelt. Vor allem Frauen ergriffen gern diese Möglichkeit, Berufstätigkeit und Familie zeitsparend miteinander zu verbinden. Kinder konnten von Anfang an allein zur Schule oder zum Spielen gehen, weil die Quartiere in ihrer Fußläufigkeit auf die Heranwachsenden ausgerichtet waren. In den auf Marzahn folgenden 50 Jahren ist im niedrigpreisigen Sektor der Großwohnsiedlungen kein Versuch zu etwas Besserem unternommen worden. In der Bundesrepublik war der industrialisierte Massenwohnungsbau bereits 1973 im Zuge einer Rezession rapide zusammengebrochen, für die DDR endete ihr überaus ertragreiches Wohnungsbauprogramm 1990 mit der staatlichen Vereinigung. Im Jahr 1975 hatten sich die Kurven der Wohnbauentwicklung in beiden deutschen Staaten in einer jähen östlichen Aufwärts- und westlichen Abwärtsbewegung gekreuzt. Doch die reine Quantität sagt noch wenig über den sozialen Charakter aus. Zwar waren die Neubauwohnungen im Osten durchschnittlich kleiner, doch gleicht die großzügige Infrastruktur diesen Nachteil aus. „Wie haben wir sie doch beneidet um Marzahn“, hörte ich ein Vorstandsmitglied der früheren landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft GSW einmal sagen. Die öffentlichen Räume waren reicher. Die entscheidende Qualität des „komplexen Wohnungsbaus“ liegt in der straffen planerischen Zusammenführung aller Partikularitäten, der Kontrolle der funktionalen Richtlinien und Kennziffern, Auslastung von Ressourcen, den abgestimmten Öffnungszeiten und Fahrplänen. Tugenden der Planwirtschaft halt, die man in Anbetracht der mangelhaften Architektur leicht übersieht. Die nach 1990 gebauten neuen Stadtteile in Karow, Blankenburg und Buchholz sind bei aller gestalterischen Mühewaltung dagegen insuläre Bruchstücke einzelner Bauträger geblieben, die ein Gesamtprofil bis heute vermissen lassen.
Damit erweist sich das Wohnungsbauprogramm der DDR, einst als „Herzstück“ der Wirtschafts- und Sozialpolitik betrachtet, unvermutet als eine der vielen Sachen aus der DDR, die man mittlerweile in einem neuen Licht zu betrachten beginnt. Denn selbst, wenn man heute mit dem gleichen Tempo Wohnungen bauen könnte, wären noch lange nicht genug Schulen und Lehrer, Verkehrsanschlüsse oder Grünanalagen, Polikliniken, Turnhallen oder Pflegeheime da. Es war ein langer Weg dahin und eingedenk dieses langen Wegs lernt man den industriell betriebenen komplexen Wohnungsbau made in GDR als wertvoll zu betrachten. Er stellt eine integrale Systemlösung dar, an der man sich in Zukunft messen muss. Selbst wenn sie nicht hätten sagen können, worin eigentlich die viel beschworene „sozialistische Lebensweise“ bestand, schätzten die „gelernten DDR-Bürger“ ihre „Platte“ als authentisch und im politischen Sinne „ehrlich“ ein. Bloß keine Mimikry.

Sozialisierung als Imperativ

Die noch als Eigentumsmodell konzipierte Reihenhaus-Siedlung von Dessau-Törten war ein Experimentalprojekt der Reichsforschungsgesellschaft für Wirtschaftlichkeit im Bau- und Wohnungswesen gewesen und wurde als deutscher Beitrag in die laufenden internationalen Fachdebatten hineingetragen. Die Frage nach rationalen Bauweisen war der Dreh- und Angelpunkt der damaligen Avantgarden. Architekten mehrerer Nationen vereinigten sich 1927 zu der Plattform und „Kongressfabrik“ CIAM (Congrès Internationaux d’Architecture Moderne, deutsch: Internationale Kongresse Moderner Architektur), um gemeinsam Lösungen für ein zum denkbar größten Skandal angewachsenes Bauproblem zu entwickeln: die Wohnungsfrage im Gesamtzusammenhang der Stadt. Viele waren überzeugt, dass der Markt die Antwort schuldig bleiben müsse, weil der Wohnbau als Produktionszweig grundsätzlich nicht profitabel sei. Höhere Gewinne würden allein durch spekulative Bodengeschäfte, unterlassene Instandhaltung und Mietwucher erreicht. Mit der Einsicht, dass sie für die notwendigsten Bauaufgaben keine Bauherren finden konnten, dass ihnen keiner ihre professionell entwickelten Lösungen abkauft, rückte die architektonische Avantgarde auf oppositionelle Position. Bereits ab 1919, jenem Jahr, das dem Kapitalismus die bislang tiefste Wirtschaftskrise bescherte, war „Liberalismus“ zum Unwort geworden. Alles drängte auf Interventionen der großen Hand, weil der kriegsbedingt grassierende Notstand nach großen Losgrößen, Riesenbauplätzen, staatlicher Regulierung und planvollen Systemlösungen schrie. Als der notwendige Bau von hunderttausenden „Volkswohnungen“ an der Unbeweglichkeit der politischen Interessenvertreter scheiterte, radikalisierte das die Architekten. Bei Gründung der CIAM schwebte 1927 die Forderung nach Enteignung des Bodens im Raum. Schließlich wurde jede Rationalisierung, die die Wohnbauspezialisten mühsam durchsetzten, durch die Entwicklung der Preise und des Zinsfußes wieder zunichte gemacht. „Reform oder Revolution“ lautete bei Zusammenkünften der Architekten die Frage. Verschärft durch die Weltwirtschaftskrise verständigten sie sich auf die Formel „Sozialismus in dieser oder jener Form“ (Rudolf Carnap). Ob nun die Kommunalisierung des Wohnungsbaus angestrebt wurde oder staatssozialistische Planwirtschaft, ob der Wohnungsbau antiautoritär-syndikalistisch wie in Barcelona oder genossenschaftlich organisiert werden sollte, die extremen Folgen des Liberalismus in der Stadtentwicklung machten immer mehr Architekten der Moderne zu Parteigängern der Revolution. Disziplinär hatten sie sich seit der industriellen Revolution bereits als „Ideologen des Sozialen“ (Manfredo Tafuri), als technische oder baukünstlerische Problemlöser für sozial-räumliche Antagonismen etabliert. Nun fühlten sie sich wegen der übergreifenden Dimensionen der Wohnungsfrage immer mehr gedrängt, die Systemfrage aufzuwerfen: Enteignung.

Politisierung von Architektur und Stadtplanung

Mit der Wende zum 20. Jahrhundert entfaltet sich im Zuge der zweiten industriellen Revolution, mit Elektrifizierung und Motorisierung der Wirtschaft, schließlich eine völlig neue Vision des guten Daseins in der Welt, die nun auch visuell in jeder Beziehung modern ist. 1904 hatte der französische Architekt Tony Garnier in allen Details eine ideale Industriestadt für 35.000 Einwohner unter sozialistischen Bedingungen gezeichnet, die man sich noch heute nur herbeisehnen kann. ,‚Dies, in Kürze, ist das Programm für die Errichtung einer Stadt, in der es jedem bewusst ist, dass das menschliche Gesetz Arbeit heißt, daß jedoch der Kult des Schönen und das gegenseitige Wohlwollen genügen, um das Leben herrlich zu machen.“ Er zeigt eine funktional gegliederte, funktionalistisch auf das Gesetz der Arbeit hin strukturierte Stadt mit öffentlichem Nahverkehr, einem zentralen Busbahnhof, eine Stadt ohne Zäune und Gefängnisse, mit Stockwerksbauten und Familienhausvierteln, Künstlerateliers, Musikschulen, die zu architektonisch beeindruckenden Arbeitsstätten, Stahlwerken, Wasserkraftwerken und Werften in Bezug gesetzt sind. Strahlend helle Gebäude sind ins Grüne eingeflochten. Die Blöcke mit ihren Vorgärten muten halbwegs wie Gartenstädte an, aber agrarische Nutzungen und Selbstversorgergärten gibt es nicht. Bewirtschaftung und Betrieb der Stadt sind vollständig sozialisiert. Es ist die erste Stadt, deren konstruktives Gerüst vollständig aus dem neuen Wundermaterial Beton besteht, dessen ästhetische Wirkung Garnier mit weitgespannten Tragkonstruktionen und gewaltigen Kuppeln hingebungsvoll demonstriert. Noch ist es ein weitsichtiger Traum, doch der Baustoff wird schon bald die Grammatik der Architektur vollständig verändern. Mit den Zerstörungen des ersten Weltkriegs entsteht der Zwang, schnell und rationell zu bauen und Beton wird zum bevorzugten Material für vorgefertigte Elemente der Baukastentechnologie. Mit der unter Emil Rathenau staatlich gelenkten Kriegswirtschaft wächst zeitgleich die Sehnsucht, diese staatliche Weisungsgewalt für große Friedensaufgaben zu nutzen. Dazu gesellt sich der Traum von Planwirtschaft und „Mobilisierung großer Landreserven“, für deren Durchsetzung dem Berliner Baustadtrat Martin Wagner alle Ehre gebührt. Statt vernichtende Kriege und Hass zwischen den Völkern zu entfalten, könnte man gar die Alpen überbauen oder für alle Zeiten die Wohnungsnot besiegen, so ein Credo der damaligen Zeit. Eine neue Zivilisation der Arbeit findet ihren Ausdruck in Automatisierung und vollständiger Mechanisierung der schweren körperlichen Arbeit. Europaweit vollzieht sich seit 1911 im Zeichen von Staat, Plan und Technik der Abschied vom „Manchesterkapitalismus“. Zur starken Politisierung von Architektur und Stadtplanung tritt die nahezu euphorische Zuversicht für das technische Gelingen der neuen Welt. Ethische, Ästhetische und technische Präferenzen der funktionellen Stadt der Moderne sind damit gesetzt. (Teil 2 des Beitrags folgt in einer späteren Ausgabe des MieterEchos.)


Prof. Dr. Simone Hain ist Architekturhistorikerin, Mitglied der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung und war zuletzt Leiterin des Instituts für Stadt- und Baugeschichte an der Technischen Universität Graz. Ihre Schwerpunkte sind Stadtforschung und Geschichte des modernen Planens und Bauens.


MieterEcho 399 / November 2018

Schlüsselbegriffe: Bauhaus,Gropius,klassische Moderne,Wohnungsbau,Architektur,Architekturgeschichte

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