Berliner MieterGemeinschaft e.V.

Interessengemeinschaft und Beratung für Berliner Mieter
MieterEcho 398 / Oktober 2018

Prekarität 2.0

Arbeiten in Berliner Start-Ups – ein Erfahrungsbericht

Von Mathilde Ramadier

Die Französin Mathilde Ramadier arbeitete in zwölf Berliner Start-ups und machte ernüchternde Erfahrungen mit miserablen Arbeitsbedingungen hinter einer coolen Fassade. Vor der Vorstellung, dass Start-ups das Arbeitsmodell der Zukunft darstellen, warnt sie heute junge Leute. Ein Erfahrungsbericht.


Ich bin 30 Jahre alt und komme aus Frankreich. Es sind meine persönlichen und schmerzhaften Erfahrungen auf der Suche nach einer Anstellung, die mich dazu bewogen haben, Berichte und Bücher darüber zu verfassen.
Seit Juli 2011 lebe ich in Berlin, nachdem ich gerade mein Studium in Paris an der École Normale Supérieure mit einem Masterabschluss in Philosophie abschloss. Zuvor hatte ich bereits eine dreijährige Ausbildung als Grafikerin absolviert, die Hälfte der Zeit als Praktikantin. Während meiner Ausbildung hatte ich fast immer Nebenjobs.
Nach Abschluss meines Philosophiestudiums bin ich nach Berlin gezogen. Zwischen 2011 und 2015 habe ich insgesamt für ein Dutzend Start-ups gearbeitet – zwei Mal als Angestellte und zehn Mal als Selbständige. Die Anziehungskraft dieser Stadt ist sicherlich berechtigt, aber mich schockiert und irritiert es, dass niemand sagt, was sich wirklich auf dem Berliner Arbeitsmarkt abspielt, wie die Start-ups das Gesicht der Stadt ändern und die Gentrifizierung beschleunigen.

„Country Manager“ mit 480 Euro netto

Berlin, 2013. Auf einer Website für die Start-up-Szene finde ich zufällig ein Stellenangebot auf Englisch, das meine Aufmerksamkeit weckt: Kunstmarktrecherche für ein Berliner Start-up. Gesuchtes Profil: Masterdiplom in Kunstgeschichte oder einer anderen Geisteswissenschaft, Berufserfahrung im Bereich Internet, Sprachkenntnisse in Französisch, Englisch und Deutsch. Ich bewerbe mich.
Zehn Minuten später erhalte ich eine E-Mail vom Firmenchef. Er lädt mich für den Folgetag zu einem Bewerbungsgespräch via Skype ein. Ich akzeptiere, betone aber, dass ich in Berlin lebe und gern auch persönlich zum Firmensitz komme. Er lehnt dankend ab und sagt, er habe keine Zeit. Es ginge schneller per Skype. Was weiß ich, denke ich mir. Ich kenne das genauso wenig wie Sex per Webcam. Ich füge ihn zu meinen Skype-Kontakten hinzu.
Ich überstehe das Bewerbungsgespräch und fange zwei Wochen später an. Mein Titel: „Country Manager“. Ich soll Recherche auf dem französischen Kunstmarkt betreiben. Mein Gehalt: 960 Euro brutto (480,77 Euro netto) pro Monat für vier Tage die Woche.
Der von mir unterschriebene Vertrag enthält den rechtlich fragwürdigen Satz, dass der Arbeitgeber nicht verpflichtet ist, seine/n unabhängige/n Mitarbeiter/in zu bezahlen, wenn er der Meinung ist, dass die Arbeit nicht zu seiner Zufriedenheit erfüllt worden ist. Ich beiße mir also noch etwas mehr auf die Zunge und die Zähne fester zusammen.
Sämtliche andere Mitarbeiter/innen sind Praktikant/innen und halten den Mund, entweder weil ihr Praktikum durch ein Stipendium im Heimatland finanziert wird oder weil sie Angst haben und ihnen die Erfahrung fehlt. Sie haben somit keinerlei Verhandlungsspielraum. Ich lerne, dass deutsche Unternehmen nicht verpflichtet sind, ein sechsmonatiges Praktikum zu bezahlen.
Mehrere Personen werden zur gleichen Zeit eingestellt, alle sollen im Kunstmarkt ihres jeweiligen Heimatlands recherchieren. Meine neuen Kollegen kommen aus Indien, China, Japan, Spanien, England, den USA, Israel und Deutschland. Die meisten von ihnen sind gerade erst in Berlin angekommen, wenn sie nicht sogar für diese Stelle hierhergezogen sind. Englisch ist die offizielle Sprache, die Büros sind riesig groß, schön und im Herzen Berlins.
Es ist nicht das erste Start-up des Firmenchefs, schon mehrmals hat er seine Internetfirmen nach sechs Monaten verkauft – man frage nicht nach dem Schicksal der Angestellten. Dieser junge Wirtschaftsabsolvent samt Doktortitel einer prestigeträchtigen Universität in Übersee wird hierzulande zu den innovativsten Geschäftsführern des fortschrittlichen Berlins gezählt – kürzlich umgetauft in Silicon Alley. Vom gesamten Web 2.0 als das Modell des neuen Unternehmertyps gepriesen, erhofft man sich die allheilsame Reduzierung der Berliner Arbeitslosigkeit. Ganz Europa denkt schon, dass Berlin die Hauptstadt der Start-up-Kultur geworden ist.
Gleich am ersten Arbeitstag fällt mir auf, dass wir alle isoliert arbeiten, eher gegeneinander als füreinander, jede/r am eigenen mitgebrachten Laptop, denn die Firma stellt keine Computer für die Mitarbeiter/innen zur Verfügung. Es erinnert mich an bestimmte Billig-Airlines, bei denen mittlerweile selbst die Sitzplatzreservierung im Flugzeug Geld kostet. Alle arbeiten also für sich, und die, die sich unterhalten, werden umgehend von der Teammanagerin zurechtgewiesen, eine Ausnahmeabsolventin einer großen englischen Universität, die eigentlich fünf Sprachen spricht und doch nur eine benutzt, um mit uns zu kommunizieren – die Sprache des arroganten Wortschwalls.

Silicon Alley, die Wiege einer neuen Armut

Um das Team zu mehr Produktivität anzuspornen, stellen die zwei Chefs nach einigen Tagen mitten im Büro ein Flipchart auf, auf dem alle Mitarbeiter/innen sehen können, wie viel jede/r am Vortag geschafft hat. Jeder einzelne Eintrag in die zu erschaffende Datenbank wird gezählt und von den Vorgesetzten nach einem perfiden Rechensystem je nach Brauchbarkeit mit einer Erfolgsquote versehen, unser persönlicher Score für das tägliche Rankingsystem, das zwangsläufig eine/n Beste/n und eine/n Schlechteste/n ermittelt. Darin besteht die ganze Arbeit unserer Teammanagerin. Ich habe nicht gewusst, dass man dafür so lange studieren muss.
In der dritten Woche wird das sogenannte „Teambuilding“ um eine Stufe erweitert. Mittlerweile frage ich mich trotz meiner „Erfolgsquote“ von 87,3%, wann ich wohl meine Kündigung einreichen werde. Der Firmenchef steht im Open Space Büro und kommentiert die Scores der Mitarbeiter/innen, deren Namen er gar nicht erst zu kennen versucht. Er erklärt, dass wir jetzt in offener Konkurrenz zueinander stehen und am Ende der Woche der/die Beste einen 100-Euro-Gutschein für ein großes amerikanisches Internetkaufhaus erhält. Wir sehen uns mit skeptischen Blicken an. Diese Woche gewinnt unsere chinesische Kollegin den Preis. Nach einem schüchternen Applaus kommentiert der Chef, dass es nicht verwunderlich sei, da Chinesen ja bekanntlich wie Roboter arbeiten und er ab jetzt nur noch Chinesen einstellen sollte. Schließlich macht er noch eine persönliche Runde im Büro, um sicherzustellen, dass auch alle seine neue Philosophie verstanden haben. Als ich an der Reihe bin, sage ich ihm, dass ich stets mein Bestes gebe, es aber nicht Teil meiner Persönlichkeit sei, mit meinen Kolleg/innen in einen direkten Konkurrenzkampf zu treten. Worauf er schlicht erwidert: „I don’t care – es ist aber Teil meiner Persönlichkeit“. Ich kündige.
Wenn ich mir seitdem die Stellenangebote der Berliner Start-ups anschaue, lese ich stets mit Erstaunen „Flat hierarchy“ (flache Hierarchie). Aber wenn sich heutzutage jede/r Mitarbeiter/in „Country Manager“ für 1.200 Euro brutto im Monat nennen darf, der Job der Teammanager/innen darin besteht, den Mitarbeiter/innen Noten zu geben, und das Ganze von den eigensinnigen Launen der Chefs geleitet wird, dann ist die alte pyramidale Hierarchie wohl doch überholt.
Man feiert eine neue Arbeitswelt, in der wir alle frei sein könnten, aber diese neue Welt hat nichts erfunden. Es ist nur eine neue Form der Prekarität, liberaler, mehr sexy. Die Prekarität 2.0. Die extremste Form dieses Modells? Diejenigen, die für die Firmen wie Lieferando, Deliveroo, Foodora arbeiten, die sich Fahrrad und Versicherungen selbst besorgen müssen und sich abarbeiten zur Lieferung von Mahlzeiten, die sie sich selbst nicht leisten können.
Da es Start-ups ihren Gründer/innen ermöglichen, sich ohne großes Startkapital in kurzer Zeit zu bereichern, sind sie für profitgierige Investoren attraktiv und verbreiten damit ein Wirtschaftsmodell, das den Zenit des eigenen Erfolgs noch lange nicht erreicht hat. Start-ups gelten als Wirtschaftssektor der Zukunft, weil sie das Internet zu ihrem Werkzeug machen und somit einen Ruf von Freiheit und Selbstverwirklichung genießen. Dabei verkörpern sie vielmehr eine Art Eigenverdauung des Kapitalismus durch sich selbst – oder anders ausgedrückt: den absoluten Zynismus.
Was sollen nur die zukünftigen Absolventen der Wirtschaftsuniversitäten denken? Dass es zur Selbstverwirklichung – oder wie Martin Heidegger es nennt: In-der-Welt-sein – lediglich eines Laptops, einer Internetverbindung und einer guten Verkaufsidee bedarf. Und nebenbei einer Handvoll Chinesen.

Mathilde Ramadier (1987 in Frankreich geboren) lebt in Berlin und Arles und ist Autorin und Übersetzerin. Sie schreibt Sachbücher und Graphic Novels. Anfang 2017 erschien ihr Buch „Bienvenue dans le nouveau monde, Comment j’ai survécu à la coolitude des Start-ups“ („Willkommen in der neuen Welt – Wie ich die Coolness von Start-ups überlebt habe“). Website: https://mathilderamadier.com


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