Berliner MieterGemeinschaft e.V.

Interessengemeinschaft und Beratung für Berliner Mieter
MieterEcho 399 / November 2018

"Die Gentrifizierung ist am Stadtrand angelangt"

Interview mit Peter Schmidt vom Mieterprotest Kosmosviertel

MieterEcho: Wie ist die Organisierung der Mieter/innen im Kosmosviertel entstanden?

Peter Schmidt: Der Mieterprotest hat sich im Januar 2017 gegründet, weil 2016 ein Block vom privaten Eigentümer energetisch saniert wurde. Damals dachten die Mieter/innen noch, jetzt würde alles schön und sie würden Heizkosten sparen. Zum Jahreswechsel kamen dann die ersten Mieterhöhungen. Die Mieter/innen fielen aus allen Wolken, entwickelten eine richtige Wut und wollten protestieren. Einige haben sich dann zusammengetan, um die Kräfte zu bündeln, und sich überlegt: „Wie können wir vorgehen? Muss jetzt jeder einzeln klagen? Wer traut sich das?“ Im Februar 2017 wurde ich als jemand mit technischen und organisatorischen Kenntnissen hinzugeholt.

 

Du bist also Nachbar des Viertels?

Ja, ich wohne zwei Straßen weiter. Indirekt bin ich auch von Mieterhöhungen betroffen – eine Aufwertung hier treibt den Mietspiegel und somit auch meine Miete hoch. Außer mir sind in der Initiative direkt Betroffene. Sie wohnen in den Häusern, die demnächst saniert werden sollen oder schon sind. Wir haben unsere Mitstreiter/innen durch Aufrufe bei Mieterversammlungen oder Protesten gewonnen. Inzwischen gibt es auch einen Mieterstammtisch. Durch die soziale Zusammensetzung im Viertel – es gilt als Armutsleuchtturm – haben wir Probleme mit der Mobilisierung. Die Leute sind vom aggressiven Verwalter extrem eingeschüchtert. Ich habe das selbst miterlebt, als ich einen Mieter begleitet habe, der gegen eine Mieterhöhung vorgehen wollte. Der Verwalter heißt Schönefeld Wohnen GmbH & Co. KG und gehört dem Eigentümer der Häuser. Begriffe wie Miethai und Slumlord drängen sich auf.
Als es in den 90er Jahren im Quartier einen Leerstand von 50% gab, hat der Vermieter jedem eine Wohnung vermietet, am liebsten an die, die vom Sozialamt geschickt wurden, das für einfachen Wohnstandard überhöhte Mieten zahlte. Eine lukrative Einnahmequelle – Wohnen ohne Reparaturen und Pflege der Wohnungen nach dem Motto: „Wenn ihr Tapete an der Wand haben wollt, tapeziert selbst.“
Heute sind viele Wohnungen mit aus der Stadt Verdrängten belegt. Freiwerdende Wohnungen werden bis zur doppelten Mietspiegelhöhe vermietet, Leerstand gibt es nicht mehr. Eindeutig ungesetzlich, aber die Leute sind froh, überhaupt etwas zu bekommen, halten still und zahlen Hunderte Euro mehr. Für sie gilt „ich kann hier schlafen, es ist einigermaßen ruhig, ansonsten gehe ich arbeiten“ – praktisch eine Schlafstadt, das war zu Beginn aber mal ganz anders konzipiert.

Welches Konzept bestand bei der Erstellung des Kosmosviertels?

Zu DDR-Zeiten sollte hier ein von der Bausubstanz her hochwertiges Ensemble geschaffen werden für technische Facharbeiter, Fachkräfte vom Flughafen Schönefeld und Personal der Akademie in Adlershof – gebildete Leute mit gutem Einkommen. Die Wohnungen waren sehr begehrt, Interessierte haben sich lange bewerben müssen. Die technisch guten Eigenschaften der Gebäude reichen soweit aus, dass diese immerhin 28 Jahre später ohne jede größere Reparatur oder Sanierung bewohnbar sind, und der Wärmeverbrauch ist so gering, dass die Häuser heutigen Standards genügen. Das Wohngebiet war zu DDR-Zeiten komplett in staatlichem Eigentum – bis auf wenige Blöcke, die die damalige Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft gebaut hat, deren Mitglieder teilweise selbst auf dem Bau mitgearbeitet haben. Jene Wohnungen in extrem gut gepflegten Häusern, mit zu Loggien umgebauten, verglasten Balkonen, wurden überführt an die Wohnungsgenossenschaft Altglienicke eG. Alle anderen Wohnungen gingen zunächst an das landeseigende Wohnungsunternehmen Stadt und Land. Ende der 90er Jahre verkaufte diese im Zuge der Privatisierungswelle 1.780 Wohnungen an Schönefeld Wohnen bzw. den Münchner Investor Helmut Hagemann. Bisher war es nicht möglich herauszufinden, für welchen Kaufpreis. Nicht mal Abgeordnete haben Informationen bekommen.

Wie unterscheidet sich die Situation bei Schönefeld Wohnen zu den restlichen Wohnungen?

Stadt und Land und die Genossenschaft haben Anfang der 2000er Jahre Sanierungen und Umbauten vollzogen. Sie haben bereits damals höhere Mieten verlangt und neue Mieter/innen mit Bedacht ausgewählt. Man wollte eine durchmischte Mieterschaft und eine ruhige Klientel. Bei Schönefeld Wohnen galt hingegen „wir nehmen alle“ und die „Problemfälle“ kommen in einen Extrawohnblock. Dieser wird gerade saniert und es drohen aufgrund happiger Mieterhöhungen massenhaft Auszüge. Die Mieter/innen werden vom Sozialamt aufgefordert, die Mietkosten zu senken.

Welche Baumaßnahmen finden statt?

Es ist eine energetische Sanierung, bestehend zu großen Teilen aus Reparaturen der Außenhülle der Häuser. Das ist keine Modernisierung. Nach fast drei Jahrzehnten sind die Dichtungen zwischen den Fassadenplatten nicht mehr in Ordnung. Der Eigentümer will dies aber nicht als Instandhaltung bezahlen und macht eine energetische Sanierung daraus. Er rüstet das Haus ein, füllt die Fugen und packt außen eine Dämmschicht drauf. Die soll hochmodern sein, kein Polystyrolschaum, sondern ein neu entwickelter Keramikdämmstoff, entsprechend teuer und zu bezahlen von den Mieter/innen. Es wird auch gegen das Baugesetz verstoßen, da keine Baugenehmigung beantragt oder eingeholt wurde. Wir sind alle heilfroh, dass bisher kein Unfall passiert ist, denn die Baustellen sind zum Teil nicht abgesperrt, sogar die Kinder spielen dort. Das Bezirksamt prüft das nicht, obwohl wir es gemeldet haben.
Es hat sich auch herausgestellt, dass die Schichtdicken der Dämmung nur ein Drittel von dem betragen, was empfohlen wird. Bei 60 mm soll ein Wärmedämmeffekt eintreten. Hier sind es teilweise unter 20 mm. Uns sagt man, wir hätten an falschen Stellen gemessen. Wir haben das Bauamt bisher nicht dazu bringen können, selbst eine Prüfung vorzunehmen. Nach den ersten Energieabrechnungen scheint es überhaupt keine Wärmeeinsparung gegeben zu haben. Der Wärmeverbrauch war in den sanierten Häusern sogar über 10% gestiegen. Das Bezirksamt will sich dem Investor offenbar nicht in den Weg stellen und verweigert sämtliche Überprüfungsmaßnahmen dieser Sanierung.

Wie gehen die Mieter/innen mit den Modernisierungsankündigungen um?

Die meisten dulden. Es hat sich noch nicht herumgesprochen, wie man sich wehren kann. Bei einer Befragung im Haus wurde klar, dass für 70% der Bewohner/innen der Härtefäll gilt. Man hat uns die Härtefall-Anträge mit den Worten „Her damit, wie kriege ich das zur Verwaltung?“ aus der Hand gerissen. Die Mieter/innen, die sich gewehrt haben, zahlen bis heute die höhere Miete nicht und sind auch nicht verklagt worden. Es gab keinerlei Antwort, der Verwalter stellt sich auch auf anwaltliche Nachfragen taub. Es scheint lukrativer, keine teuren Prozesse zu führen – Hauptsache, die anderen Mieter/innen zahlen. Wir haben gehört, dass am Amtsgericht Köpenick Verfahren laufen und der Vermieter alle verliert. Genau ist es nicht zu verifizieren, da es schwierig ist, Mieter/innen zu finden, die dort vor Gericht sind. Auch leben Teile der Mieterschaft finanziell so prekär, dass sie sich keine Rechtsschutzversicherung leisten können und stillhalten, Leistungsempfänger sowieso. Viele flüchten vor dem Vermieter, und zwar raus nach Brandenburg, da sie in Berlin keine Wohnung mehr finden.

Sind die Wohnungen schnell wieder vermietet?

Die sind sofort wieder voll, es gibt keinen Wohnungsleerstand mehr, aber dann natürlich für einen deutlich höheren Quadratmeterpreis, sogar bis 11 Euro statt wie vorher 5 Euro. Leider scheint das Stadtentwicklungsamt zu wenige Leute zu haben, um ungesetzliche Mieterhöhungen zu kontrollieren.

Es gibt Medienbeiträge, in denen die ökonomische Armut der Menschen im Viertel vorgeführt wird.

Das Viertel ist ein sozialer Brennpunkt und bei einigen Fernsehsendern werden die Menschen denunziert. Die Öffentlich-Rechtlichen haben aber bisher sehr fair berichtet, dass hier etwas total schiefläuft. Die Gentrifizierung ist am Stadtrand angelangt. Wie soll es weitergehen? Wo sollen die Leute mit kleinem Einkommen leben, die Dienstleistungsarbeiter/innen in den unteren Gehaltsgruppen? Oder Rentner/innen mit kleiner Rente? Sollen draußen in Brandenburg billige Hochhäuser hingeklatscht werden? Um dann jeden Arbeitstag zwei Stunden in die Stadt zu pendeln?

Vielen Dank für das Gespräch.


Das Interview führte Matthias Coers.

Peter Schmidt ist Rentner und einer der Sprecher des Mieterprotests Kosmosviertel.


Das Kosmosviertel ist eine Plattenbausiedlung in Altglienicke, bestehend aus fast 3.000 Wohnungen. Der Wohnungsbestand ist im Besitz von drei Eigentümern: Investor Hagemann (1.780 Wohnungen), Wohnungsgenossenschaft Altglienicke eG (960 Wohnungen) und landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land (knapp 200 Wohnungen). Aus staatlichem Besitz der DDR ging der Großteil der Wohnungen zur Wende zunächst an die Stadt und Land. 1996 verkaufte diese 1.780 Wohnungen an Hagemann, verwaltet durch die ihm gehörende Schönefeld Wohnen GmbH. Deren Mieter/innen müssen trotz städtischer Randlage inzwischen mit erheblichen Mieterhöhungsforderungen wegen Modernisierung kämpfen. Der Bau des Flughafens BER macht die Gegend für Investoren attraktiv.


MieterEcho 399 / November 2018

Schlüsselbegriffe: Kosmosviertel,Gentrifizierung,Mieterprotest

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