Interessengemeinschaft und Beratung für Berliner Mieter
MieterEcho 382 / August 2016

Urlaub machen, wo andere Menschen leben

Über die Auswirkungen von Tourismus auf die Stadt und ihre innerstädtischen Wohnquartiere

Von Nils Grube    

Berlins Tourismus boomt. Seit der Fußball-Weltmeisterschaft 2006, die oft als ein Schlüsselmoment in der touristischen Entwicklung der Bundeshauptstadt betrachtet wird, wächst der Besucherzustrom schier unaufhaltsam. So verdoppelte sich die Zahl der Hotelübernachtungen innerhalb der letzten 10 Jahre von 15,9 Millionen auf über 30 Millionen. Ungefähr die gleiche Anzahl an Übernachtungen kommt durch sogenannte „Visiting Friends and Relatives“ (VFR) hinzu, also Menschen, die Freunde oder Verwandte besuchen und entsprechend privat unterkommen.     

 

Gemeinsam mit den jährlich über 100 Millionen Tagestourist/innen sorgen nationale und internationale Berlingäste in der konjunkturell nach wie vor schwächelnden Stadt für gern gesehene Einnahmen. Tourismus wird daher auch als ein bedeutender Wirtschaftsfaktor behandelt und generiert zudem konstant steigende Beschäftigungszahlen – auch wenn viele der neu entstehenden Tätigkeiten nur gering bezahlt und von prekären Beschäftigungsbedingungen geprägt sind wie im Hotel und Gaststättengewerbe.                    

Das Thema Tourismus polarisiert allerdings auch immer mehr. Auf der einen Seite wird diese Entwicklung von Politik und Stadtmarketing euphorisch als Erfolgsgeschichte gefeiert. Lange Zeit hatte man es für nur schwer vorstellbar gehalten, dass sich die von vielen dunklen Ereignissen und politischen Zerwürfnissen heimgesuchte Stadt zu einem beliebten Reiseziel für Besucher/innen aus aller Welt wandeln könnte. Berlin ist mittlerweile nach London und Paris die drittbeliebteste Destination Europas und profitiert von seinem neuen Image einer offenen, toleranten und kreativen Stadt.     

 

„Berlin-Touristen verwechseln die Stadt mit einem Erlebnispark, das Nachtleben mit Ballermann und die Eingeborenen mit pittoresken Deko-Elementen. Möglicherweise ja zu Recht.“ **

 

Auf der anderen Seite wird immer häufiger über mögliche Grenzen des Wachstums gesprochen. Der Besucherzuwachs verändert zunehmend das Leben in den Städten. Kritische Stimmen sprechen dann von überfüllten Innenstädten und überlasteten Quartieren. In einer Podiumsdiskussion der Berliner Morgenpost im April 2016 forderte die Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg Monika Hermann (Bündnis 90/Die Grünen) unlängst einen stadtverträglichen Tourismus. Ihr stimmte sogar der Chef der landeseigenen Gesellschaft für Tourismus und Stadtvermarktung „Visit Berlin“ Burkhard Kieker zu. Kieker räumte dazu ein, dass es in der Vergangenheit „Fehlsteuerungen“ gegeben hätte, wie etwa die Genehmigung eines 1.600-Betten-Hostels in unmittelbarer Nachbarschaft zu Wohngebieten. Gleichzeitig warnte er vor dem Verlust von Authentizität und dass immer mehr Orte von Anwohner/innen nicht mehr genutzt oder gar gemieden werden. Eine solche „Disneyfizierung“ von Stadträumen würde zum Tod des Tourismus führen.     

 

Tod des Tourismus oder Tod der Stadt?        

Tourismus verändert die Städte und gleichzeitig gefährdet dieser Wandel den Tourismus. Über die selbstzerstörerischen Kräfte des Tourismus wurde bereits vor Jahrzehnten geschrieben.

 

„Immer Krach, ständige Partys, Kommen und Gehen. Eventuell sind es auch noch mehr Ferienwohnungen dort. Wird immer schlimmer.“ *

 

Da ist beispielsweise Hans-Magnus Enzensbergers mittlerweile schon regelrecht abgedroschener Satz, der oft als Ausgangspunkt der Kritik am aufkommenden Massentourismus der 1970er Jahren betrachtet wird: „Der Tourist zerstört das, was er sucht, indem er es findet.“ Dieser Satz erscheint übertragen auf die heutige Situation in den überlaufenen Innenstädten von Venedig, Barcelona oder Paris aktueller denn je. Und dort, wo Altstädte kulturhistorisch aufbereitet oder sogar städtebaulich rekonstruiert werden, weichen die Besucher/innen nicht selten diesen blasenartigen Inszenierungswelten aus und wandern immer häufiger „off the beaten track“. Abseits der touristischen Trampelpfade haben sie die Hoffnung, das wahre Leben einer Stadt ergründen zu können. Diese fortlaufende Suche nach authentischen Orten lässt die Grenzen zu den Alltagsräumen der Bewohner/innen immer stärker verschwimmen. Ein anderer geistreicher Denker, der zurzeit herangezogen wird, wenn Erklärungsansätze für die immer deutlicher sich abzeichnenden sozialen Kämpfe in den Städten gesucht werden, ist der französische Philosoph Henri Lefèbvre („Recht auf Stadt“). In einem 1977 in der Architekturzeitschrift Arch+ abgedruckten Vortrag zur Produktion des Raumes schreibt Lefèbvre dem Tourismus eine besondere Kraft bei der Umwandlung von Gebrauchs- in Tauschwerte zu. Während der Gebrauchswert die „objektive oder subjektive Verwendbarkeit eines materiellen Gutes für einen bestimmten Zweck“ darstellt, entspricht der Tauschwert hingegen dem „Preis eines Gutes, dem Wert, der im Tausch auf einem Markt realisiert werden kann“. In dieser zentralen marxistischen Denkweise stehen sich beide Werte diametral gegenüber und in einem logischen Widerspruch. Der Tourismus bewirke nun, dass man sich auf die Gebrauchswerteigenschaften der historischen (vorkapitalistischen) Räume stürzt, sie dem Tauschwert unterwirft und sie so zum Verschwinden bringt. Anders ausgedrückt, fördere Tourismus nach Lefèbvre die Kapitalisierung von Raum im Sinne einer Vermarktlichung seiner kulturellen und sozialen Eigenschaften. Städtische Räume werden zu einer konsumierbaren Ware gemacht. Dieser auch als Kommodifizierung bezeichnete Prozess beschreibt wohl am Treffendsten den Wandel, der an vielen Orten Berlins zu beobachten ist und zu Konflikten führt.             

 

„Also machen Berlin-Touristen zwecks Anpassung an die örtlichen Sitten und Gebräuche ganze Straßenzüge unbewohnbar, indem sie sie als Freiluftausschank okkupieren. Berlin-Urlaub bedeutet für den Erlebnistouristen offenbar auch Urlaub vom Ich und der heimischen sozialen Kontrolle.“ **

 

Touristifizierung von Quartieren            

Konflikte um Tourismus entstehen vor allem dort, wo Menschen ihm in ihrem direkten Alltag begegnen. Das kann auf dem Weg zur Arbeit sein, wenn man sich in die maßlos überfüllte U-Bahn zwängen muss. Oder wenn das allabendliche Open-Air-Happening am Späti vorm Haus den Schlaf raubt. Tourismus dringt immer weiter in die Quartiere, kommerzialisiert seine Lebenswelten und macht dabei nicht mal mehr vor der eigenen Wohnungstür halt. Immer mehr Menschen sehen sich mehr oder weniger gezwungen, Mietsteigerungen durch die phasenweise Unterbringung von zahlungsbereiten Airbnb-Gästen zu kompensieren. In der wissenschaftlichen und öffentlichen Debatte wird dies oft auch als Touristification oder Touristifizierung beschrieben. Der Architekt und Stadttheoretiker Friedrich von Borries umschrieb hierin mal den Wandel, „durch den bis dahin touristisch wenig attraktive Stadtteile und Orte von Touristen entdeckt und für sie erschlossen werden. Es etablieren sich monostrukturelle Ökonomien, die den zahlungskräftigen Touristen alles bieten, was sie brauchen – Cafés, Bars, Supermärkte, Souvenirshops –, aber die Bedürfnisse der Anwohner vernachlässigen“. Begrifflich angelehnt an Gentrifizierung, wird nach von Borries bei der touristischen Erschließung von Quartieren ebenfalls ein Verdrängungsprozess ausgelöst. Dies mag in Teilen den Wohnraum betreffen (wie durch die Verknappung des Wohnungsmarktes durch gewerbliche Nutzung von Mietwohnungen als Ferienapartments in besonders attraktiven Wohnlagen), scheint aber vor allem die lokale Gewerbestruktur zu verändern. Zwar fehlen bisher grundlegende Untersuchungen, dennoch herrscht ein breiter Konsens vor, dass sich Quartiere durch eine veränderte Nachfrage funktional entmischen und die Gewerbestruktur sich dieser Nachfrage anpasst. Steigende Gewerbemieten führen dazu, dass Handwerksbetriebe oder inhabergeführtes Kleingewerbe es immer schwerer haben, ihre Existenz aufrechtzuerhalten und nicht aus den Kiezen verdrängt zu werden.

 

„Ich habe mich noch nie gestört gefühlt, aber es ist eben eine Wohnung weniger im engen Kreuzberg, die für den Wohnungsmarkt verfügbar ist.“ *

 

Gewerblicher Milieuschutz gegen touristische Monostrukturen?            

Diese Bedrohung gewachsener Kiezstrukturen bereitet auch den Bewohner/innen immer mehr Sorge. Äußerst deutlich wurde dies im vergangenen Sommer, als die Initiative Bizim Kiez (türkisch-deutsch für „unser Kiez“) für bundesweites Aufsehen sorgte. Im Kampf um den Erhalt der Nachbarschaft im Kreuzberger Wrangelkiez fokussierte sich der Protest auf den türkischen Gemüsehandel Bizim Bakkal, dessen Inhaber nach 28 Jahren der Laden gekündigt wurde (MieterEcho Nr. 377/ Oktober 2015). In ihrer Online-Petition schrieb die Initiative: „Der Fall Bizim Bakkal wird von der Nachbarschaft als trauriger Höhepunkt einer ebenso rasanten wie zerstörerischen Entwicklung empfunden (…). In den letzten Jahren mussten schon viele der kleinen Geschäfte, die die Kieze so lebens- und liebenswert machen, auf den Tourismus ausgerichteten Restaurants oder Boutiquen weichen.“ Erstmals wurde das lokale Gewerbe in soziale Mieterproteste eingebunden. Im Verlauf der Proteste wurde deutlich, dass der Entmietung lokaler Gewerbebetriebe aktuell „rechtlich keinerlei Schranken“ gesetzt sind. Noch existiert keinerlei Mieterschutz für Gewerbetreibende. Viele der Gewerbetreibenden besitzen einen unbefristeten Mietvertrag, der mit halbjährlicher Frist jederzeit kündbar ist. Aktuell wird daher die Möglichkeit diskutiert, das Instrument Milieuschutz auf Gewerbetreibende zu erweitern.          

 

Tourismus nicht der Sündenbock für den aktuellen urbanen Wandel 

Auch wenn sich auf vielfache Weise  Auswirkungen des Tourismus auf die Städte und das Leben in ihren Kiezen nachzeichnen lässt, darf er nicht als Sündenbock für die aktuellen urbanen Umstrukturierungsprozesse betrachtet werden. Auch ist bei der Bemessung von Wirkungskräften beim Zusammenspiel von Tourismus und Gentrifizierung Vorsicht geboten. In der Simon-Dach-Straße oder der Gegend rund um das Schlesische Tor lassen sich beispielsweise die Auswüchse des nächtlichen Partytourismus nicht unbedingt als aufwertungsfördernde Faktoren begreifen, die die Qualität des Wohnorts heben und den Weg für wohlhabendere Schichten ebnen.  Zufriedengeben darf man sich mit solchen Entwicklungen nicht. Eine Tourismuspolitik, die nur auf das Wachstum der Branche und auf steigende Besucherzahlen setzt, lässt die Interessen der Anwohner/innen außer Acht. Bislang fehlt ein klarer Wille, das Thema Tourismus stadtverträglicher zu gestalten. Daher ist nicht der Tod des Tourismus das größte Übel – sondern vielmehr der Tod des städtischen Zusammenlebens.                  

 

 

Nils Grube ist Stadtgeograf und promoviert aktuell an der Humboldt Universität zum Thema Touristifizierung städtischer Wohnquartiere. Außerdem arbeitet er zu Fragen einer möglichen stadtverträglichen Gestaltung des Berliner Tourismusbooms und entwickelt im Projekt lokal.leben konfliktverringernde Strategien für den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg.

 

 


MieterEcho 382 / August 2016

Schlüsselbegriffe: Auswirkungen, Tourismus, Stadt, innerstädtischen Wohnquartiere, Wirtschaftsfaktor, Massentourismus, Touristifizierung, Wohnungsmarkt, lokale Gewerbestruktur, Milieuschutz, Gentrifizierung

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