Berliner MieterGemeinschaft e.V.

Interessengemeinschaft und Beratung für Berliner Mieter
MieterEcho 383 / September 2016

Unser Block bleibt

Internet-Milliardäre kaufen sich im Neuköllner Reuterkiez ein

Von Jutta Blume                                        

 

Äußerlich hat sich an dem Häuserblock zwischen Pannier-, Fram-, Nansen- und Reuterstraße mit 180 Wohnungen nicht viel verändert, seit im Mai bekannt wurde, dass die 17 Häuser im Juni zwangsversteigert werden sollten. Auffällig sind nur die blauen Plakate mit der Aufschrift „Unser Block bleibt“ , die an vielen Fenstern und Balkonen hängen. Die Initiative der Mieter/innen organisierte sich in Windeseile, zur ersten Hausversammlung im Mai kamen rund 70 Leute.        

 

Bei den anberaumten Zwangsversteigerungen handelte es sich um Teilungsversteigerungen. Mit solchen können Erbengemeinschaften aufgelöst werden, wenn sich die Parteien uneinig sind. Doch im Fall des Neuköllner Häuserblocks schien es, dass das Instrument gezielt genutzt wurde, um Profit zu machen.       Die vom Bauunternehmer Lindow in den 1920er Jahren errichteten Mietshäuser fielen nach seinem Tod an seine drei Kinder. Als 2014 einer der drei Erben starb, erwarb die Immobilienfirma Dr. Hintze & Co im Namen mehrerer GmbHs seinen Anteil. Im Folgenden gelang es dem Unternehmen, einen zweiten Erben auszuzahlen. Damit besaß oder verwaltete Dr. Hintze & Co. bereits zwei Drittel des Häuserkomplexes. Der Tod der letzten Lindow-Erbin dürfte den Ausschlag für die Teilungsversteigerung gegeben haben. Die Bewohner/innen berichten, dass die Tochter Lindows im Block aufgewachsen war und ihn daher nicht aufgeben wollte. Ihr Nachlassverwalter vertrat weiter ihren Willen. Recherchen der Mieter/innen ergaben, dass Hintze & Co. die Lido Investment GmbH und die CAD Investment GmbH mit Sitz in Berlin sowie die Verus GmbH mit Sitz in München vertritt. „Lido Investment und CAD Investment gehören den Brüdern Florian und Martin Hintze. Florian Hintze agiert als Geschäftsführer von Dr. Hintze & Co, während Martin Hintze bei der Investmentbank Goldman Sachs für das Coporate Equity-Geschäft in Europa verantwortlich ist“, heißt es auf dem Blog von „Unser Block bleibt“. Hinter der Verus GmbH stehen die Brüder Oliver, Marc und Alexander Samwer, die durch die Start-Up-Schmiede Rocket Internet bekannt wurden und deren Vermögen von Forbes auf rund 5 Milliarden US-Dollar geschätzt wird. Mit einigen ihrer Start-Ups wagten sie bereits Ausflüge in den Immobilienbereich. So stammt das Ferienwohnungsportal Wimdu aus ihrer Firmenschmiede, ebenso die weitgehend gescheiterte Wohnungsvermittlung Nestpick.     

 

Strategischer Erwerb            

Im klassischen Immobiliengeschäft bedienen sich die Samwers eines komplexen Firmengeflechts. Joël Kaczmarek zeichnet dies für den Gewerbeimmobilienbereich im Online-Magazin digital kompakt nach. Über die dort benannten Firmen erwarben die Samwers im Herbst letzten Jahres zum Beispiel das Ullsteinhaus in Berlin. Als Geschäftsführer der beteiligten Gesellschaften taucht immer wieder der Münchener Wirtschaftsanwalt Matthias Mittermeyer auf, so auch bei Verus. Er ist als Geschäftsführer von mindestens 18 GmbH und Untergesellschaften eingetragen. Dass diese alle zu den Immobilienfirmen der Samwer-Brüder gehören, scheint zumindest möglich. Die Versteigerungstermine für die Neuköllner Häuser wurden abgesagt. „Wir denken, dass das auch daran liegt, dass wir aktiv geworden sind“, meint die Bewohnerin Erika Kolbe*. Stattdessen fand eine Realteilung statt. Die Häuser Framstraße 3 bis 9 bleiben im Lindow-Nachlass, die restlichen Häuser gingen an Hintze & Co.

Inzwischen mussten die Künstler/innen aus den Gewerbegebäuden im Innenhof ausziehen. Auf die Forderung der Initiative nach einem Runden Tisch antwortete Florian Hintze, er könne nicht mit ihnen reden, sie seien schließlich nicht durch die Mieterschaft legitimiert. Die Mieter/innen hoffen nun auf den Milieuschutz, der umfangreiche Modernisierungen, das Zusammenlegen der kleinen Wohnungen und die Umwandlung in Wohneigentum genehmigungspflichtig macht. Aber da der Reuterplatz erst seit Februar Milieuschutzgebiet ist, gibt es noch keine Erfahrungen, wie gut der Schutz vom Bezirksamt durchgesetzt wird.         

 

 *Name geändert


MieterEcho 383 / September 2016

Schlüsselbegriffe: Neuköllner Reuterkiez, Unser Block bleibt, Dr. Hintze & Co, Bauunternehmer Lindow, Lido Investment GmbH, CAD Investment GmbH, Ferienwohnungsportal Wimdu, Modernisierung, Umwandlung, Wohneigentum

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