Interessengemeinschaft und Beratung für Berliner Mieter
MieterEcho 381 / Juni 2016

Silber, Gold, Platin

Zertifizierungen für Nachhaltigkeit sollen Akzeptanz für hochpreisige Bauvorhaben schaffen

Von Rolf Brüning                                        

 

Ende 2015 ließ sich das Architekturbüro Collignon seine Planung für 294 Wohneinheiten an der Bautzener Straße in Schöneberg zertifizieren. Der Bauträger dieses Projekts ist die Dr. Wolfgang Schroeder Immobilien GmbH & Co. KG, deren Adresse in Dortmund identisch mit der Anschrift der Hellweg-Baumärkte ist.                            


Seit drei Jahren existiert schräg gegenüber der beplanten Fläche an der Bautzener Straße, auf dem Yorckdreieck, ein Hellweg-Baumarkt. Dessen Geschäftsführer Reinhold Semer zieht an allen Fäden, um das Stadtquartier Bautzener Straße Projekt mit 7 Wohnblöcken auf dem 35.000 qm großen Areal an der Ecke Bautzener- und Yorckstraße zu realisieren. Eine Initiative aus der Nachbarschaft kritisiert: „Teurer Wohnungsneubau, der den Investoren saftige Gewinne verspricht, ist eine aktuelle Anlagestrategie für Vermögende, aber keine Lösung für das Wohnungsproblem in Berlin.“ Sie fordert vom Bezirk, das Vorhaben nicht zuzulassen, denn: „Erst durch einen politischen Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung würde das Baurecht geschaffen und damit eine nachhaltige Wertsteigerung des Grundstücks bewirkt.“ Eine Wertsteigerung, die jedoch nicht der Allgemeinheit zugutekäme.    Das Zertifikat für das Stadtquartier Bautzener Straße wird verliehen von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) mit Sitz in Stuttgart. Ihre 1.200 Mitgliedern kommen aus der Bau- und Immobilienwirtschaft, darunter Hochtief AG, Union Investment, Eternit AG, BASF SE, Bilfinger Bauperformance GmbH. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang zumindest eine Personalie: Der für Stadtentwicklung zuständige Berliner Staatssekretär Engelbert Lütke Daldrup saß bis Ende September 2015 im Präsidium der DGNB und begrüßte im Dezember 2015 bei der Preisverleihung als Vertreter des Senats das geplante neue Stadtquartier „Bautzener Straße“. Auch Siegmund Kroll, Amtsleiter für Stadtentwicklung in Tempelhof-Schöneberg, äußerte sich in Vertretung der Stadträtin Sybill Klotz (Bündnis90/ Die Grünen) pathetisch: „Ich habe das Projekt mit Herzblut begleitet“.            

Der DGNB haftet mit ihrer Zertifikatsverleihung der Ruch eines Gefälligkeitsdienstleisters an, der für eine entsprechende Vergütung sowohl Bauträgern als auch Genehmigungsbehörden Argumente für PR-Zwecke liefert.               

 

„Wir sind die Guten“            

Die DGNB ist nicht der einzige Zertifizierer auf dem Markt. Auch Neubauten des EUREF-Campus auf dem Schöneberger Gasometergelände wurden prämiert. Während das Bauschild auf DIN-A-4-Größe schrumpfte, verkündete ein 10 qm großes Poster am Eingang des Geländes, dass eins der Gebäude mit dem LEED-Platin des U.S. Green Building Council (USGBC) ausgezeichnet werden soll. LEED steht für Leadership in Energy and Environmental Design, übersetzt etwa Führerschaft in energie- und umweltgerechter Planung, und ist ein System zur Klassifizierung für ökologisches Bauen. Vergeben wird es vom U.S. Green Building Council, einer US-amerikanischen Lobby-Organisation für privatwirtschaftliche Bau- und Immobilienunternehmen zum Thema ökologisches Bauen.         

Da die Akzeptanz der Bevölkerung für die Realisierung von Großbauprojekten oft gering ist, wird zunehmend auf PR-Maßnahmen zurückgegriffen, mit dem Ziel einem Erzeugnis über seinen Funktionswert hinaus weitere Eigenschaften anzudichten. So werden Vereinigungen wie die DGNB und der USGBC, deren Aufgabe es ist, objektiv und integer zu erscheinen, zu Handlangern der PR-Agenturen. Sie ermöglichen erst die Geschäfte der sogenannten Investoren und deren Durchsetzung gemeinsam mit Politik und Behörden, die dieses Spiel – oft unter dem Deckmantel des Gemeinwohls – mitspielen.    

Weitere Informationen:

https://stopptdenkiezverkauf.wordpress.com

http://gleisdreieck-blog.de

http://bi-gasometer.de


MieterEcho 381 / Juni 2016

Schlüsselbegriffe: hochpreisige Bauvorhaben, Architekturbüro Collignon, Bautzener Straße, Hellweg-Baumärkte, Reinhold Semer, Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen, DGNB, Staatssekretär Engelbert Lütke Daldrup, Lobby-Organisation, Großbauprojekte

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