Interessengemeinschaft und Beratung für Berliner Mieter
MieterEcho 385 / Dezember 2016

Hochzeit des Prekariats

Ein Blick in die „schillernde“ Arbeitswelt der Berliner Start-ups

Von Stefania Animento                

 

Der Gründer des ehemaligen Berliner Start-ups Soundcloud Alex Ljung sagte 2013 zur New York Times: „Berlin hat sich noch nicht bewährt, die Stadt ist insofern einem Start-up sehr ähnlich.“* Seitdem ist die Branche der Start-ups in Berlin kräftig gewachsen. Bei den vielen Debatten über die boomende Start-up-Szene in Berlin bleibt meist unbeachtet, dass Start-ups neue Formen von Lohnarbeit mit sich bringen, die zunehmend von Prekarität und (Selbst-)Ausbeutung geprägt sind. Da die lokale Politik viel Hoffnung, Werbung und schließlich auch Haushaltsgelder in diesen Bereich investiert, ist ein genauerer Blick auf die Arbeitswelt der Berliner Start-ups nur folgerichtig.                                     


Die Studie „Booming Berlin“ schätzt, dass aktuell 13.200 Menschen bei den rund 600 Berliner Start-ups beschäftigt sind. 2012 waren es noch halb so viele. Nicht eingerechnet sind dabei die Beschäftigen in ehemaligen Start-ups, die sich wie beispielsweise Zalando, wo etwa 3.000 Berliner/innen arbeiten, bereits zu etablierten Firmen entwickelt haben. Das Personal in den Berliner Start-ups ist üblicherweise sehr jung und international. Fast die Hälfte der Beschäftigten (42,3%) kommt aus dem Ausland, insbesondere aus anderen EU-Ländern. Die Branche der Start-ups spiegelt den allgemeinen Bevölkerungstrend der Stadt wieder, der stark durch den Zuzug von jungen Menschen aus dem EU-Ausland geprägt ist.                        

Bei Start-ups sind deutlich mehr Männer (73%) als Frauen tätig. Noch stärker ist das Ungleichgewicht bei den Gründer/innen, bei diesen sind lediglich 17,5% Frauen. Die Start-up-Welt ist demnach durch eine starke Männerdominanz charakterisiert, die sich auch in den Lohnverhältnissen widerspiegelt. Laut einer Umfrage des Arbeitsvermittlungsportals Jobspotting.com verdienen Männer in der Branche im Durchschnitt 3.464 Euro, während Frauen 2.500 Euro monatlich bekommen. Obwohl Start-ups oft als Vorreiter gesellschaftlicher Erneuerung gesehen werden, widersprechen die Daten dieser Annahme in Hinblick auf Geschlechtergleichheit.

Die Studie von Jobspotting.com untersuchte zudem die Qualifikationsniveaus der Start-up-Angestellten und stellte Erstaunliches fest. Obwohl Beschäftigte in der Branche generell überdurchschnittlich ausgebildet sind, verdienen Uni-Abbrecher/innen in der Regel mehr als Absolvent/innen. Das könnte daran liegen, dass sich die in Start-ups notwendigen Informatikkenntnisse oft so schnell ändern, dass sogar Uni-Abschlüsse nicht hinterher kommen. Die Weiterentwicklung der Qualifikationen findet häufig an anderen Orten statt, zum Beispiel bei den unzähligen informellen Treffen, Konferenzen oder Kneipenabenden der Start-up-Szene, die häufig auch als Jobbörsen dienen.        

Bei allen Streitigkeiten darüber, was ein Start-up definiert, für alle Unternehmen gilt: Start-ups müssen technologisch innovativ sein. In Berlin beschäftigen sich die meisten Start-ups mit Dienstleistungen, die durch digitale Plattformen verwaltet und bezahlt werden. Ob solche Unternehmen immer die Speerspitze der zeitgenössischen technologischen Entwicklung darstellen, bleibt zweifelhaft. Die Co-Gründerin des weltweit einflussreichsten Gründungsdienstleisters „Y Combinator“ gab beispielsweise zuletzt bekannt, dass international eher „unsexy“ Felder wie Quanteninformatik perspektivisch das meiste „Venture Capital“ (Risikokapital) anlocken würden.    

 

Arbeitsethos und (Selbst-)Ausbeutung            

Auch wenn die Berliner Start-ups technologisch nicht ganz vorn mitspielen, sind sie bei der Arbeitsorganisation höchst innovativ. Ein Blick hinter das Bild der schillernden Start-up-Arbeitswelt zeigt, dass die Arbeitsverhältnisse in den Unternehmen sehr heterogen aufgebaut sind. Während komplexe Arbeitsprozesse in den obersten Etagen der Unternehmen am Bartresen oder im Relax-Raum erfolgen, werden monotone und unkreative Tätigkeiten wie das Editieren von Texten oder der Kundenservice zur Kostenreduzierung an andere Firmen ausgelagert. Dieser Polarisierungsprozess wird von Arbeitssoziolog/innen als kennzeichnend für Trends des gesamten Arbeitsmarktes bezeichnet. Es ist eine zunehmende Teilung der modernen Arbeitswelt zu beobachten, in privilegierte Eliten einerseits und schlecht bezahltes, ausgebeutetes Dienstleistungsproletariat andererseits. Aber auch in den Kernabteilungen von Start-ups bilden sich Hierarchien. Während bei Software-Entwicklung, Produktdesign und Management die höchsten Löhne zu verzeichnen sind, werden Angestellte in den Bereichen Verkauf und Vermarktung deutlich schlechter bezahlt. Außerdem ist die Arbeit in Start-ups alles anders als sicher. Um neue erfolgreiche Produkte auf den Markt bringen zu können, verlangen die Unternehmen von ihren Beschäftigten ein hohes Maß an Flexibilität. Arbeitskräfte müssen schnell ersetzbar sein. Schlussendlich entscheidet der Markt darüber, ob die jeweiligen Arbeitsstellen unverzichtbar oder überflüssig sind. So weit, nichts Neues, wären es nicht ausgerechnet die Start-ups, die sich mit dem Mythos eines Arbeitsethos schmücken, der sich aus moralisierten Vorsätzen wie Horizontalität, Teilhabe und Selbstverwirklichung zusammensetzt. Diese vermeintlich progressive Arbeitskultur, die letztendlich auf der Vermischung von Arbeitszeit und Freizeit sowie auf informellem Networking und permanenter Erreichbarkeit beruht, wird im Verlauf des gesamten Arbeitsverhältnisses – vom Bewerbungsgespräch bis zur Kündigung – trotz aller Widersprüche hochgehalten. Interviews, die im Rahmen eines Forschungsprojekts durchgeführt wurden, belegen, dass von den Mitarbeiter/innen oft nicht nur ganz selbstverständlich ein Arbeitstag von 10 bis 12 Stunden verlangt wird, sondern sie müssen auch Enthusiasmus und Engagement zeigen. Die Beschäftigten sollen sogar glücklich sein oder es zumindest vortäuschen. Nicht zufällig arbeiten in vielen großen Start-ups sogenannte „Happiness Officers“, Glücksbeauftragte, die für die Motivation der Mitarbeiter/innen sorgen sollen.                                   

Booming Berlin? Niedrige Löhne, hohe Prekarität    

Während in den Firmenzentralen zwischen Selbst-Optimierung und entgrenzter Arbeit jongliert wird, sind die Arbeiter/innen am untersten Glied der Verwertungskette noch prekäreren Arbeitsbedingungen ausgesetzt. Ein Beispiel dafür ist im expandierenden Start-up-Sektor der Essenslieferung zu finden. Diese Geschäftsform gehört zu der sogenannten „Gig Economy“ bzw. „Nebenjobswirtschaft“. Durch das Versprechen selbstbestimmter Arbeitszeiten und atypischer Arbeitsverhältnisse wird der Mindestlohn relativ einfach umgegangen. Pro Lieferung bekommen die ausliefernden Fahrradfahrer/innen knappe 3 Euro. Allerdings haben sich Arbeiter/innen der Essenslieferungsbranche in den letzten Monaten in europäischen Städten wie London und Turin zusammengetan und Streiks durchgeführt. Das zeigt, dass auch in prekären Arbeitssektoren die Möglichkeit besteht, sich der derzeit stattfindenden Umwandlung der Arbeit entgegenzustellen. Offen bleibt allerdings, ob sich diese Proteste verbreitern werden hin zu anderen Branchen, in denen Ausbeutung und Prekarisierung bisher verdeckt blieben und widerstandslos hingenommen wurden.                

Das Deutsche Institut für Wirtschaft hat vor Kurzem darauf hingewiesen, dass das Einkommensniveau in Berlin weiterhin unter dem Bundesdurchschnitt liegt. Obwohl die Zahl der Erwerbstätigen in der Stadt in den letzten Jahren deutlich gestiegen ist, stagniert die Produktivität der Arbeitskraft. Anstatt gute Arbeitsplätze zu schaffen, scheint also das Wirtschaftswachstum eher prekäre Arbeitsverhältnisse zu zementieren. Ob es Berlin gelingen wird, sich in der globalen Start-up-Branche zu etablieren, ist offen. Vor den dramatischen sozialen Folgen einer solchen Dynamik warnen viele stadtpolitische Bewegungen und Initiativen bereits seit Jahren. Vor allem aber scheint es notwendig, die lokalen Arbeitsbedingungen sicherer und sozialer zu gestalten. Denn eine Stadt ist schließlich kein Start-up, sondern ein Ort, an dem Menschen leben und ihren Lebensunterhalt sichern müssen.           

 

Stefania Animento promoviert in Stadtsoziologie an der Universität Mailand Bicocca und an der Humboldt-Universität Berlin. Aktuell untersucht sie die Arbeits- und Wohnsituation italienischer Migrant/innen in Berlin. Außerdem interessiert sie sich für transnationale Arbeitskämpfe sowie innereuropäische Migration und ist stadtpolitisch aktiv.


MieterEcho 385 / Dezember 2016

Schlüsselbegriffe: Arbeitswelt, Berliner Start-ups, Prekariat, Zalando, Gründungsdienstleister, Dienstleistungsproletariat, informelles Networking, Gig Economy, Ausbeutung, Nebenjobswirtschaft

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