Berliner MieterGemeinschaft e.V.

Interessengemeinschaft und Beratung für Berliner Mieter
MieterEcho 372 / Februar 2015

Touristische Verstopfung

Ferienwohnungen und Tourismusförderung – was Berlin mit Barcelona gemein hat

Von Ralf Hutter                                        

Im vergangenen Sommer und Herbst explodierte, was bereits lange gegärt hatte: In Barcelona wurde die Kritik am Massentourismus auf die Straße getragen. Am stärksten waren die Proteste in Barceloneta, dem Viertel mit dem hoch frequentierten Stadtstrand.                                 


Barceloneta leidet enorm unter der steigenden Beliebtheit der Mittelmeermetropole Barcelona. Ein Nachbarschaftsverein organisierte die Demonstrationen, um gegen den Ausverkauf der Stadt und den Verlust von nachbarschaftlichem Zusammenleben zu protestieren. Auch im Stadtviertel an der Kirche Sagrada Familia fand im September eine erste, wenn auch relativ kleine, Demonstration statt. Die berühmte, auf unabsehbare Zeit im Bau befindliche Kirche zieht ebenfalls die Massen an – so sehr, dass die Gehsteige ringsherum ständig überfüllt sind. „Wenn ich aus meiner Wohnung zur U-Bahn gehe, muss ich die meiste Zeit des Jahres durch eine Masse von Menschen durch“, berichtet Eduardo Chibas. Der 34-Jährige ist freiberuflich in der Filmbranche tätig und wohnt seit sieben Jahren im Stadtteil um die Sagrada Familia. Er wurde im Frühjahr – also noch vor den Protesten – mit einem Dokumentarfilm bekannt, den er auf eigene Faust gedreht hatte und mit dem er auch gar nicht unbedingt Geld verdienen will. Der Film „Bye Bye Barcelona“ ist eine Einführung in die Konflikte, die durch den Massentourismus in einigen zentralen Stadtvierteln der Hauptstadt Kataloniens entstanden sind. Der Film ist im Internet zu sehen, auch mit englischen Untertiteln. Über 7,5 Millionen Touristen wurden 2013 in Barcelona gezählt, bei 1,6 Millionen Einwohner/innen. „Vergangenen Sommer sagte der Vorsitzende des Hotelierverbands, er wolle bald 10 Millionen und somit Rom überholen“, berichtet Chibas. Laut seinem Film sorgt der Tourismus für 14% der wirtschaftlichen Leistung Barcelonas. Dabei seien bei den 7,5 Millionen Touristen viele Menschen gar nicht erfasst, ist sich Chibas sicher. Hinzu kämen die Tagesausflügler aus dem Umland, die Passagiere von den immer mehr und immer größer werdenden Kreuzfahrtschiffen – die im erst vor wenigen Jahren für sie stark ausgebauten Hafen gleich neben der berühmten Flaniermeile Ramblas anlegen – und vor allem jene Gäste, die in den vielen unregistrierten Ferienwohnungen nächtigen.                     

 

Verknappung von Wohnraum        

Die Ferienwohnungen stellen das große Problem von Barceloneta dar. Viele Ferienwohnungen bedeuten nicht nur viel Lärm feiernder Menschen, sondern auch eine Verknappung von Wohnraum. Das Wohnungsproblem existiert ebenfalls an der Sagrada Familia. Hinzu kommt der Austausch von Kleingewerbe gegen Souvenirläden und Schnellrestaurants. An der Sagrada Familia ist aber das drängendste Problem das der Massen auf den Gehsteigen im Umfeld dieses laut Film meistbesuchten touristischen Ziels Spaniens. Zum Schutz für den Raum unmittelbar um die Kathedrale herum wurden die Busparkplätze für Reisegruppen ein paar Straßen weg verlagert. Nun schieben sich diese Massen die paar Hundert Meter hin und her – wofür die Gehsteige schlicht nicht ausgelegt sind.                

Deshalb sagt Chibas bei seinem Besuch in Berlin, als sein Film im Rahmen eines Symposiums zu Protesten gegen städtischen Massentourismus gezeigt wird, dass Berlin Barcelonas Probleme nicht habe. Hier gebe es wenigstens Raum. Doch gemeinsam ist den beiden Städten nicht nur das Problem der Ferienwohnungen, sondern auch eine den Massentourismus fördernde Stadtpolitik. Das Abgeordnetenhaus winke die Papiere der Tourismus-Industrie durch, beklagt Johannes Novy von der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg, einer der Organisator/innen des Symposiums, im Anschluss an den Film. In Barcelona habe die Stadtregierung auf die wachsende Kritik mit einem dezentralen Tourismuskonzept reagiert, das den Massen andere als die überfüllten Orte schmackhaft machen soll, berichtet Chibas. Von einer Reduzierung des Tourismus sei aber nicht die Rede gewesen. Im Gegenteil: Im Laufe des Jahres soll das größte Kreuzfahrtschiff der Welt seinen Heimathafen in Barcelona bekommen.                   

 

Website zum Film: www.byebyebarcelona.com

 

Weitere Informationen:

Das Symposium mit dem Titel „Protest and Resistance in the Tourist City“ fand vom 27. bis 30. November im Center for Metropolitan Studies (CMS) an der Technischen Universität Berlin statt.

 

 


MieterEcho 372 / Februar 2015

Schlüsselbegriffe: Ferienwohnungen, Tourismusförderung, Berlin, Barcelona, Barceloneta, Sagrada Familia, Eduardo Chibas, Wohnraumverknappung, Massentourismus, Stadtpolitik

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