Interessengemeinschaft und Beratung für Berliner Mieter
MieterEcho 376 / September 2015

REZENSION: Wer rettet wen?

Film und Buch über die Krise als Geschäftsmodell

Von Philipp Mattern    

Es ist beachtlich: Dieser Film zeigt, was eigentlich jeder aufgeklärte Mensch weiß – und beeindruckt trotzdem. Dass in der Finanzkrise seit 2008 Banken gerettet wurden und nicht Menschen, ist beileibe kein Geheimnis. Dass es sich bei dieser Rettung jedoch weniger um einen Sachzwang als vielmehr um ein cleveres Geschäftsmodell handelt, kann der Film durch scharfsinnige Analyse und zugleich verständliche Darstellung zeigen. Seine Stärke liegt darin, komplexe Zusammenhänge einfach und anschaulich zu erklären und somit die weniger bekannten Hintergründe des neoliberalen Krisenmanagements ins Licht zu rücken.                                        


Das Team um die Filmemacher/innen Herdolor Lorenz und Leslie Franke, die bereits mit ihren Dokumentationen „Water makes Money“ und „Bahn untern Hammer“ große Aufmerksamkeit erlangten, produzierte den im Februar 2015 erschienenen Film mit Spenden hunderter Unterstützer/innen, Organisationen wie Einzelpersonen. Gelungen ist ihnen ein äußerst professioneller Dokumentarfilm, der trotz seiner Spielfilmlänge durchgehend spannend bleibt. Zudem stellt sich ein mitunter skurriler Unterhaltungswert ein, etwa wenn der Ex-Banker Satyajit Das frei von der Leber weg über das globale Finanzkasino plaudert. Auch Mario Draghi, der EZB-Präsident und frühere Vizepräsident der Bank Goldman Sachs, wird deutlich: „Das europäische Sozialmodell ist Vergangenheit. Die Rettung des Euro wird viel Geld kosten. Das bedeutet, vom europäischen Sozialmodell Abschied zu nehmen.“ In anderen Szenen berichten Aktivist/innen sozialer Bewegungen über ihren zähen Kampf zur Verteidigung sozialer Rechte. Aufgeboten wird eine äußerst interessante Mischung aus Interviewpartner/innen, denn Politiker und Experten kommen ebenso zu Wort wie Betroffene der Sparpolitik. Und auch die Frage nach Alternativen zur Bankenrettung und zum Sozialabbau wird nicht ausgespart.                

Ergänzt wird der Film durch ein rund 170 Seiten starkes Buch, das im Mai 2015 im VSA-Verlag erschien und auch im Paket mit der DVD bestellbar ist. Das Buch liefert vertiefende Analysen zum Thema in Form von Interviews, Länderbeispielen und einer historischen Einordnung des neoliberalen Projekts. Es ist nicht nur als Ergänzung zum Film, sondern auch als eigenständige Überblicksdarstellung zu empfehlen.                 

Die Retter sind in Wirklichkeit die Täter, so lautet ein Fazit dieses Werks. Während Banken mit fahrlässigen Finanzgeschäften enorme Gewinne gemacht haben und nun herumheulen, spielen sich diejenigen Parteien und Politiker, die die Misere erst ermöglicht haben, als fromme Retter auf. Sie retten jedoch nicht aus Not oder Verlegenheit, sondern aus Interesse und Überzeugung. Die Bankenrettung ist für sie die Fortführung des Finanzkapitalismus mit anderen – staatlichen – Mitteln. Die Krise wird zum Geschäftsmodell auf Kosten von Demokratie und sozialer Sicherheit, wie es im Untertitel des Films passend heißt. „Nie zuvor seit dem Zweiten Weltkrieg gab es solch eine gewaltige Umverteilung von unten nach oben“, resümieren die Herausgeber/innen das Ergebnis dieser Politik im Buch. Schnell wird klar, dass diese Umverteilung nicht nur an sich eine Frechheit ist, sondern selbst zur Quelle neuer Probleme wird. Während die öffentlichen Haushalte sparen müssen, wird das private Vermögen immer größer. Dieser enorme Reichtum, so müsste man hinzufügen, sucht nach Anlagemöglichkeiten, und er findet sie etwa im sogenannten Betongold. Wer genau hinschaut, kann selbst die im Film dargestellten Tendenzen mit den Entwicklungen des Berliner Immobilienmarkts in Zusammenhang bringen. Nicht nur deshalb wäre eine Fortsetzung dieses Film- und Buchprojekts wünschenswert. Und leider wird die Notwendigkeit für eine Fortsetzung kaum ausbleiben.             

 

Herdolor Lorenz/ Leslie Franke: Wer rettet Wen? Die Krise als Geschäftsmodell auf Kosten von Demokratie und sozialer Sicherheit.

Film: 103 Minuten, Kern Filmproduktion, Deutschland 2015

Buch: 176 Seiten, VSA Verlag, Hamburg 2015

www.whos-saving-whom.org

 

 


MieterEcho 376 / September 2015

Schlüsselbegriffe: "Wer rettet wen?", Film, Buch, Krise als Geschäftsmodell, Finanzkrise, Herdolor Lorenz, Leslie Franke, Bankenrettung, Sozialabbau, Sparpolitik, Finanzkapitalismus

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