Interessengemeinschaft und Beratung für Berliner Mieter
MieterEcho 375 / Juli 2015

Im guten Glauben verkauft

Mieter/innen in Treptow wehren sich gegen Mieterhöhungen und Modernisierung

Von Henriette Herbert                                    

 

Es hätte ein so schönes Beispiel für eine Nachbarschaft sein können. In einem kleinen Altbau am Baumschulenweg in Treptow entwickeln Mieter/innen eine freundschaftliche Nachbarschaft, helfen sich gegenseitig und genießen gemeinsam den selbst bewirtschafteten grünen Hinterhofgarten. Doch nun sind einige Mieter/innen verstorben, ausgezogen oder bangen um ihr Zuhause, weil sie gekündigt wurden oder eine Klageschrift bezüglich Duldung einer entmietungsstrategischen Modernisierung und Mieterhöhung auf dem Tisch haben. Der Kläger ist ein stadtbekannter Immobilienspekulant, der lieber auf Vernachlässigung des Mietshauses setzt und die rechtliche Keule schwingt, als mit „seinen“ neuen Mieter/innen zu kommunizieren.                


Etwa ein Jahr ist es nun her, als wir das Gewitter, das uns jetzt um die Köpfe donnert, haben anrollen sehen. Schick gekleidete Frauen mit Klemmbrettern und Exposéordnern schlichen durch den Hausflur. Auf Fragen der Mieter/innen nach dem Grund ihrer vermehrten Besuche reagierten sie nicht. Uns war schnell klar, dass es sich um Immobilienmaklerinnen handelt. Warum sich unser ehemaliger Vermieter Herr Pietsch* ausgerechnet für das Maklerunternehmen Engel & Völkers entschieden hatte, werden wir wohl nie erfahren, doch dass dessen Beratung und Käuferempfehlung mehr als zweifelhaft waren, konnten wir später in Erfahrung bringen. So war es Herrn Pietsch wichtig, dass die Mieter/innen der Schraderstaße 16 in ihren Wohnungen bleiben können und notwendige Modernisierungen immer nur nach einem Auszug stattfinden. Leider ließ er sich dies nur per Handschlag vom neuen Vermieter zusichern. Er war gutgläubig, denn Engel & Völkers  hatte ihm die WMGV Vermögensverwaltung mit dem Geschäftsführer Boris Gregor Marweld als Käufer empfohlen. Den Ausführungen von Engel & Völkers  zufolge war die WMGV eine kleine Firma, die ihnen vertraut und als zuverlässig bekannt sei. Engel & Völkers wussten genau, was ihrem Kunden wichtig war und passten allem Anschein nach ihre Vermittlungsstrategie an, denn Herr Pietsch wollte an keine große Immobilienfirma verkaufen. Sein Gesundheitszustand drängte ihn zu einem möglichst schnellen Verkauf und nachdem ein privates Architektenpaar kurzfristig abgesprungen war, blieb nur die vermeintlich „nette, kleine“ GmbH, die WMGV. Die Hausgemeinschaft hatte somit keine Zeit sich zu organisieren, um das Haus eventuell gemeinsam mit dem Mietshäuser Syndikat kaufen zu können, was Herrn Pietsch bereits als Möglichkeit unterbreitet worden war.     

                                   

Marweld und die Räumung der Yorckstraße 59                

Leider müssen wir nun das Schlimmste befürchten, denn die WMGV ist keine nette, kleine GmbH, sondern genau das Gegenteil. Ihr Geschäftsführer Gregor Marweld ist kein Unbekannter, sondern gilt vielen sogar als einer der skrupellosesten Immobilienbesitzer. Marweld ließ als Eigentümer am 6. Juni 2005 das Wohn- und Kulturprojekt Yorckstraße 59 in Kreuzberg polizeilich räumen. Er hatte zuvor Strafantrag wegen Hausfriedensbruchs gestellt, obwohl die Mieter/innen seinerzeit das Hausrecht inne hatten. Das Berliner Kammergericht erklärte die Räumung dreieinhalb Jahre später für unrechtmäßig. Zudem waren Mieter/innen und Nutzer/innen des Projekts auf unterschiedliche Weise schikaniert worden. Jetzt ist das Gebäude in bester Innenstadtlage luxussaniert. Marweld hat mittlerweile viele Jahre Übung in der Verdrängung von Menschen und die Folgen seines Handelns schienen ihm gleichgültig zu sein. Sein Sicherheitspolster, das er hinter sich hat, ist dick, denn er ist in einer Immobilienfamilie aus Berlin aufgewachsen und besitzt mehrere Firmen, die ein undurchsichtiges Immobiliengeflecht darstellen. Auch in Johannisthal treibt er sein Unwesen. Dort wurden mehrere von ihm gekaufte Häuser in Eigentumswohnungen umgewandelt.            
                

Mieterhöhung und Modernisierungsankündigung            

Wie in einem schlechten Tatort ging die Geschichte unseres Hauses weiter und die Verdrängung begann. Im August 2014 wurde der Kaufvertrag unterzeichnet, doch wurde Herr Pietsch angehalten, seinen Mieter/innen davon nichts zu erzählen. Als wir ihm nach der August- auch die Septembermiete überwiesen hatten, holte er sich anwaltlichen Rat und benachrichtigte uns, dass es einen Verkauf gegeben habe und er uns die Miete zurücküberweisen werde. Wir sollten uns doch bitte von der WMGV die Kontoverbindung geben lassen, um das Geld an den neuen Eigentümer überweisen zu können. Nur wenige Tage später kam auch ein Brief der WMGV mit einer förmlich und rechtlich hanebüchenen Erklärung über einen Eigentümerwechsel. Da uns das alles mehr als seltsam vorkam, überwiesen die meisten der Mietparteien an den neuen Eigentümer unter Vorbehalt. Der ältere Mieter Herr Sonntag* sowie das Jobcenter zahlten weiter an den ehemaligen Vermieter. Ohne jeden Versuch der persönlichen Kontaktaufnahme kam nur zwölf Tage, nachdem die WMGV als Eigentümerin im Grundbuch eingetragen war, die Modernisierungsankündigung und gleichzeitig eine Mieterhöhung, welche einen Monat vor Sanierungsbeginn in Kraft treten sollte. Zu diesem Zeitpunkt lebte Herr Sonntag schon nicht mehr. Etwa drei Monate nach dem Verkauf des Hauses wurde er tot in seiner Wohnung aufgefunden. Für ihn war eine Modernisierung und Steigerung der Mietkosten von über 100% nicht denkbar, genauso wenig wie der Auszug aus dem Haus, in dem er mehr als drei Jahrzehnte gelebt hatte. Ob ein Zusammenhang zwischen seinem Tod und der Verdrängungstaktik der WMGV besteht, lässt sich nach seinem Ableben kaum herausfinden, jedoch wäre es nicht das erste Mal, dass aufgrund von Verdrängung Menschen sterben. Wir denken an Rosemarie F., die nur zwei Tage nachdem sie zwangsgeräumt wurde, am 11. April 2013 verstarb.                                        

Deckmantel der energetischen Sanierung                

Dass Häuser unter dem Deckmantel der energetischen Sanierung modernisiert werden, damit die Regierung als Alibi das „Klima retten“ kann, ist nicht neu. Der Klimawandel wird für die Immobilienbesitzer als dankbares Argument benutzt, ihren Profit noch dreister in die Höhe schnellen zu lassen, denn durch die steigenden Mieten und der daraus resultierenden Verdrängung der Altmieter/innen, können sie mit einer zahlungskräftigeren Klientel viel mehr verdienen. Doch wie soll das Klima geschützt werden, wenn Millionen von Tonnen Sondermüll in Form von Polystyrol-Dämmmaterial produziert werden und intakte Altbauten kaputtsaniert werden? In unserem Fall soll die energetische Sanierung bis aufs Äußerste getrieben werden, mit undenkbar hohen Kosten, damit unsere Miete auf über 10 Euro/qm steigt und sie sich keiner im Haus mehr leisten kann. Am liebsten wäre es der Vermögensverwaltung, wir würden alle ganz von allein ausziehen. Was dann mit dem Haus passieren würde, ist Spekulation. Ein Blick auf bereits entmietete Häuser lässt mehrere Szenarien denkbar werden: Erstens: Das Haus wird ohne Menschen und ohne Modernisierung schnell profitbringend weiter verkauft. Zweitens: Die Wohnungen werden unsaniert zu einem höheren Preis neu vermietet. Drittens: Das Haus wird nach Modernisierung in Eigentumswohnungen aufgeteilt. Oder viertens: Es bleibt viele Jahre leer stehen, bis eine höhere Rendite in Aussicht steht.              

                             

Die Häuser denen, die drin wohnen!                

Doch das lassen wir uns nicht gefallen. Wir wehren uns und bleiben! Fast alle Parteien aus dem Haus haben der Duldung zur Modernisierung nicht zugestimmt, sondern angefangen sich zu organisieren. Wir ziehen mit der Berliner MieterGemeinschaft und dem Mieterbund vors Gericht, veranstalten Informationsabende und Soli-Partys, um entstehende Kosten und Gutachten tragen zu können. Wir bringen uns beim Mietenvolksentscheid ein, vernetzen uns mit anderen verdrängungsbedrohten Häusern wie der Friedelstraße 54 und der Heidelberger Straße 15-18 und treten mit Presseartikeln an die Öffentlichkeit.       

*Namen geändert



Kontakt: schraderstrasse16@posteo.de

 

 


MieterEcho 375 / Juli 2015

Schlüsselbegriffe: Baumschulenweg Treptow, Mieterhöhungen, Modernisierung, Entmietung, Immobilienmakler, Schraderstaße 16, Engel & Völkers, Marweld, Räumung Yorckstraße 59, Mietkostensteigerung, energetische Sanierung, Mietenvolksentscheid

Berliner MieterGemeinschaft e.V.
Möckernstraße 92
10963 Berlin

Tel.: 030 - 21 00 25 84
Fax: 030 - 216 85 15

Email: me(at)bmgev.de

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