Berliner MieterGemeinschaft e.V.

Interessengemeinschaft und Beratung für Berliner Mieter
MieterEcho 366 / März 2014

Erst das Essen, dann die Miete!

Mietstreiks in Berlin in der späten Weimarer Republik

Von Henning Holsten                                                

Anfang der 1930er Jahre erfasste die Wirtschaftskrise Berlin. Die kurze Zeit der Reformen war vorbei und eine neue Wohnungsnot machte sich breit. Geprägt von parteipolitischen Querelen eskalierte die Lage in einer neuen Protestwelle, die vorherige Mobilisierungen weit übertraf. Erst die Machtübernahme der Nazis besiegelte das Ende der teils erfolgreichen Mietstreiks.                                        


Den turbulenten Anfangsjahren der Weimarer Republik folgte Mitte der 1920er Jahre die große, wenn auch kurze Zeit der sozialen Wohnungsreform. Im Reichsmietengesetz von 1922 und im Mieterschutzgesetz von 1923 wurden grundlegende Rechte wie Mietpreiskontrolle und Kündigungsschutz erstmals gesetzlich festgeschrieben. Die Einführung der Hauszinssteuer stellte 1924 die Wohnungsbaufinanzierung auf eine neue Grundlage. Mittels staatlicher Förderung errichteten gemeinnützige Gesellschaften Wohnungen, vorzugsweise in großzügigen, naturnahen Siedlungen am Stadtrand. „Licht, Luft und Sonne“ lautete das Credo der Generation junger Architekten, die im Stil der Neuen Sachlichkeit bezahlbaren – aber modernen Standards entsprechenden – Wohnraum für breite Massen zu schaffen versprachen. Für die alten Mietskasernen mit ihren verwinkelten und düsteren Hinterhöfen sollte im „Neuen Berlin“, wie es der SPD-Stadtbaurat Martin Wagner am Reißbrett entwarf, kein Platz mehr sein. Berühmt-berüchtigte „Proletenkasernen“ wie der „Meyer‘s-Hof“ im Wedding wurden in der Presse als Relikte der Vergangenheit präsentiert.                

Tatsächlich aber hatte sich die Wohnsituation der Mehrheit kaum gebessert. Während die Neumieter/innen in den heutigen Weltkulturerbe-Siedlungen einen zuvor unbekannten Wohnkomfort genossen, litten viele Altmieter/innen der innerstädtischen Arbeiterquartiere weiterhin unter Zuständen, die Heinrich Zille schon zur Kaiserzeit auf die viel zitierte Formel brachte: „Man kann einen Menschen mit einer Wohnung gerade so gut töten, wie mit einer Axt“. Statistisch verschlimmerte sich die Wohnungsnot in den 1920ern sogar, da die Zahl der Zugezogenen die der Neubauwohnungen um ein Vielfaches übertraf. Der Reformschwung der Anfangsjahre ging bald verloren. Die etablierten Mieterorganisationen und die ihnen nahe stehenden Gewerkschaften und Parteien waren ab Mitte des Jahrzehnts vorwiegend damit beschäftigt, die neuen Mieterrechte gegen die Angriffe der Eigentümerverbände zu verteidigen. Der Forderung von rechts nach dem „Ende der Zwangswirtschaft“ und der „Rückkehr zur Eigentumsfreiheit“ stand die Forderung der KPD nach Verstaatlichung der Wohnungswirtschaft gegenüber.                                    

 

Konflikteskalation in der Wirtschaftskrise        

Die Situation eskalierte, als Anfang der 1930er Jahre die Weltwirtschaftskrise Berlin erfasste und in kurzer Zeit bis zu 630.000 Berliner/innen arbeitslos wurden. Die rechtsbürgerlichen Notstandsregierungen verschärften die Krise durch eine rigorose Sparpolitik. Die Zweckentfremdung der Hauszinssteuereinnahmen führte zum weitgehenden Erliegen des Wohnungsbaus. Einschnitte wie die Kürzung des Arbeitslosengelds führten wiederum dazu, dass sich viele Familien selbst die günstigsten Altbaumieten kaum mehr leisten konnten. 1932 verschlang die Miete durchschnittlich 23% eines mittleren Arbeitslohns. Arbeitslose zahlten oft 50% und mehr. Die Mieten für Altbauten stiegen aufgrund der veränderten Nachfrage zum Teil drastisch, während Wohnungsgesellschaften über zunehmenden Leerstand in den Neubausiedlungen klagten.  

Die existenzbedrohenden Mietsteigerungen führten in den proletarischen Quartieren bald zu lautstarken Protesten und organisierter Gegenwehr. Gegen die immer häufigeren Exmittierungen von Arbeiterfamilien, die mit ihrer Miete manchmal monatelang im Rückstand waren, regte sich immer öfter spontaner Widerstand in der Nachbarschaft. Mitunter eskalierten diese Proteste, wenn es zum Zusammenstoß der – meist von Kommunist/innen unterstützten – Demonstrationen mit SA-Schlägertrupps kam. Während der „Moabiter Krawalle“ kam es nach so einem Zwischenfall im Juni 1932 zu tagelangen Straßenschlachten, die von der Polizei nur mit Wasserwerfern und Panzerfahrzeugen unterdrückt werden konnten.                                    

 

Die Mietstreikbewegung 1932/33            

Die Kombination von unerträglichen Wohnverhältnissen, staatlicher Untätigkeit und parteipolitisch motivierter Konflikteskalation führte schließlich dazu, dass die Mietproteste in den Berliner Arbeitervierteln im Herbst 1932 zur Massenbewegung wurden. Treibende Kraft war meist die KPD, die sich im Laufe der Wirtschaftskrise immer mehr von einer Arbeiter- zur Arbeitslosenpartei entwickelt hatte. Dadurch verlagerte sich ihr Agitationsfeld von den Betrieben in die Wohnquartiere. Dort, wo die traditionelle Basis der Arbeiterbewegung lebte, kanalisierte sie erfolgreich die Wut und Verzweiflung in direkte politische Aktionen. Nachdem die Versuche, die bestehenden – häufig sozialdemokratisch dominierten – Mietervereine von innen heraus zu übernehmen, gescheitert waren, rief die Partei zur Bildung von Mieterausschüssen auf, die an den etablierten Organisationen vorbei Hausgemeinschaften zum gemeinsamen Kampf mobilisierten.                    

Ende Juni 1932 wurden in Dutzenden von Hausversammlungen Mieterräte bestimmt, die zunächst für den 1. Juli, dann, nach Anlaufschwierigkeiten, für den 1. August zu einem berlinweiten Mietstreik aufriefen. Ähnliche Aktionen gab es auch in Hamburg, Breslau und München. Politisches Hauptziel des von der KPD gegründeten „Zentralen Mieterausschusses von Groß-Berlin“ war die Abschaffung der Hauszinssteuer, die von den Hausbesitzer/innen meist direkt auf die Miete umgelegt wurde, ohne dass die Einnahmen in nennenswertem Umfang in den sozialen Wohnungsbau flossen. Weitaus wichtiger waren den einzelnen Mieterkomitees jedoch oft Mietminderungen, Streichung von Mietrückständen, Rücknahme von Kündigungen oder die Durchführung von dringenden Renovierungs- und Instandsetzungsarbeiten.          

 

Wohnungselend der Öffentlichkeit präsentiert        

Große öffentliche Aufmerksamkeit erzielten Bildreportagen über besonders verrufene Mietskasernen wie den „Meyer‘s-Hof“, die Köpenicker Straße 34/35 oder die „Wanzenburg“ am Molkenmarkt. Letztere diente zuvor als Stadtgefängnis und trug ihren Namen völlig zu Recht: In großen Gläsern präsentierten die Bewohner/innen der Presse die Schaben, die sie in den dunklen, feuchten und überbelegten Wohnzellen gesammelt hatten. Den schockierenden Fotografien der bedrückenden, unhygienischen Wohnverhältnisse standen die Kampfparolen der Streikenden gegenüber: „Hier wird gestreikt, wir wollen leben!“, „Erst die Kinder satt, dann dem Hauswirt watt!“ und, immer wieder, die prägnante Formel: „Erst das Essen, dann die Miete!“ Auf unzähligen Transparenten, Plakaten und Wandzeitungen vervielfältigt, mobilisierten diese Bilder und Parolen eine öffentliche Unterstützung, die weit über die KPD-Presse hinausreichte. Entscheidend für den zumindest partiellen Erfolg der Mietstreiks in der „Wanzenburg“ und der Köpenicker Straße war jedoch, dass sich die Gebäude im städtischen Besitz befanden. Das bot den politisch Verantwortlichen die Gelegenheit, wenigstens die gröbsten Missstände zu beseitigen und sich öffentlich zu profilieren. In der sozialdemokratischen und kommunistischen Parteipresse tobte derweil ein erbitterter Streit, wer die Interessen der Arbeiterschaft auch in Mietfragen am entschiedensten vertreten oder verraten habe. Die KPD-Strategie der „Einheitsfront von unten“ zielte ganz offen darauf, die Mitgliederbasis der SPD und selbst der NSDAP gegen deren Parteiführung auszuspielen und für den revolutionären Kampf abzuwerben. Die Sozialdemokratie hingegen weigerte sich bis zuletzt, gemeinsame Sache mit radikalen Mietaktivisten zu machen, was etwa ihre Ablehnung einer Einladung des „Zentralen Mieterausschusses“ zum „Groß-Berliner Mieter-Delegiertenkongress“ im Februar 1933 zeigte.            

Das Ende der Mietstreikbewegung besiegelte jedoch nicht der Bruderzwist der Arbeiterparteien, sondern die Machtübernahme der Nazis. Innerhalb weniger Wochen wurden die kommunistischen Mieterausschüsse zerschlagen. Kurz darauf wurden auch die sozialdemokratisch orientierten Mietervereine gleichgeschaltet. So fällt es schwer, eine Bilanz der Mietstreikbewegung zu liefern. Einzig die kommunistische Parteipresse berichtete kontinuierlich. Ihre Angaben schwanken zwischen etwa 100 und mehreren tausend am Streik beteiligten Häusern. Die Hochburgen lagen in den innerstädtischen Arbeiterquartieren. Fraglich ist jedoch, ob die Mietstreiks Ausdruck der organisierten Kampfbereitschaft des proletarischen Milieus waren oder nur Ausdruck der Verzweiflung, die sich in einem kurzatmigen und weitgehend folgenlosen Aktionismus entlud.                        

 

Der Historiker Henning Holsten beschäftigt sich mit Stadtgeschichte und arbeitet für das Museum Neukölln.

MieterEcho 366 / März 2014

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