Berliner MieterGemeinschaft e.V.

Interessengemeinschaft und Beratung für Berliner Mieter
MieterEcho 367 / Mai 2014

Die unterschätzte Gefahr: Asbest

Mieter/innen der Gewobag kritisieren nach wie vor den Umgang mit den Bodenplatten

Von Tim Zülch                                        

Sie sehen unscheinbar aus und sind für Mieter/innen fast nicht von üblichen Linoleum- oder PVC-Fliesen zu unterscheiden. Doch in über 50.000 Berliner Wohnungen, darunter viele Altbauwohnungen, lauert Asbest in sogenannten Vinyl-Asbest-Platten, die in den 70er und 80er Jahren dort eingebaut wurden. Die Beseitigung wird, wenn das jetzige Tempo beibehalten würde, rund 150 Jahre dauern.    

            

Jahrelang sind Stefan Müller* und seine Partnerin bedenkenlos über die asbesthaltigen Bodenplatten ihrer Wohnung in der Danckelmannstraße in Charlottenburg gelaufen. Ihre Kinder sind auf dem Boden gekrabbelt und haben darauf gespielt. Wenn Schäden im Boden waren, sei ein Handwerker gekommen und habe ohne Schutzmaßnahmen die Fliesen rausgehauen und ausgetauscht – teilweise im Beisein der Kinder.                

Mittlerweile hat die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Gewobag die Asbest-Problematik erkannt und prüft nach und nach ihre Wohnungen. Doch noch immer fehle die nötige Sorgfalt, behauptet zumindest Müller. Er holt ein TÜV-Gutachten aus einem dicken Ordner. Knapp 3% Chrysotil, sogenannter Weißasbest, sei in den Bodenfliesen. Das höre sich zwar nicht viel an, aber wenn man bedenke, dass bereits eine Faser zur gefürchteten Asbestose und zu Lungenkrebs führen könne, sei man natürlich beunruhigt, so Müller. Monatelang habe er kämpfen müssen, um das entsprechende Gutachten von der Gewobag zu erhalten. „Am Telefon sagte man mir zwar, dass Asbest in meiner Wohnung sei, aber nicht wie viel und wo genau“, berichtet er. Eine andere Mieterin, die in der Nähe wohnt, bestätigt das Verhalten der Gewobag: „Monatelang habe ich immer wieder nachgefragt, aber ich habe nie das Gutachten bekommen, das in meiner Wohnung erstellt wurde. Mir wurde bis heute nicht einmal gesagt, ob meine Wohnung belastet ist oder nicht.“                  

 

Senat nimmt Problem nicht ernst    

Laut Gewobag sind rund 20.000 ihrer Wohnungen betroffen. Der Berliner Senat spricht von 48.000 belasteten Wohnungen landeseigener Gesellschaften. Hinzu kommen private Wohnungen. Für Michael Müller (SPD), Senator für Stadtentwicklung und Umwelt, offenbar kein Grund, die Alarmglocken zu läuten. Er sagte im Abgeordnetenhaus, dass „von intakten und festgebundenen“ Asbestprodukten keine Gefahr ausgehe, solange sie nicht bearbeitet würden. Der wohnungspolitische Sprecher der Grünen, Andreas Otto, fordert allerdings einen Sanierungsfahrplan des Senats zur Asbestbeseitigung ein. „Der Senat nimmt das Asbestproblem nicht ernst“, sagt er. Wenn die Asbest-Sanierung im momentanen Tempo weiterginge, benötige man noch mindestens 150 Jahre, bis der Asbest aus den landeseigenen Wohnungen beseitigt sei. Außerdem hätten die Wohnungsbaugesellschaften „nur sehr zögerlich und wenn es nicht anders ging, Informationen rausgegeben“. Es müsse eine „Offensive der Information geben“, so Otto. 

Die Gewobag teilte auf Anfrage mit, sie habe „2012/2013 alle Mieterinnen und Mieter, bei denen es einen Verdacht gibt, dass in der Wohnung Asbest verbaut wurde, informiert“. Zwar würden Laborergebnisse in der Tat nicht an die Mieter/innen herausgegeben, aber man komme eventuellem Handlungsbedarf „in Abstimmung mit dem Mieter sofort nach“. Außerdem betont die Gewobag gegenüber dem MieterEcho, dass die „ambitionierte Aufgabe“ der Asbestsanierung nicht im Handumdrehen zu bewältigen sei.            

Beim Gewobag-Mieterbeirat Klausenerplatz sieht man vor allem das Kommunikationsverhalten der Gewobag kritisch. Dort werde „verschwiegen und gelogen“, so ein Beirats-Mitglied.. Auch wenn Stefan Müller und seine Partnerin mittlerweile in die asbestsanierte Wohnung zurückziehen konnten, bleibt die Empörung über ihre Vermieterin. „Das letzte halbe Jahr war eine wahnsinnige Belastung, alles hat sich um die Sanierung gedreht. Selbst als Umsetzwohnung haben sie uns eine mit Asbestboden angeboten“, berichten sie. Betroffenen Mieter/innen raten sie, hart zu bleiben und ihr Recht auf Information einzufordern.              

 

 


MieterEcho 367 / Mai 2014

Schlüsselbegriffe: Asbest, Gewobag, PVC-Fliesen, Vinyl-Asbest-Platten, Weißasbest, Asbestose, Lungenkrebs, Wohnungen, landeseigene Gesellschaften, Asbest-Sanierung

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