Berliner MieterGemeinschaft e.V.

Interessengemeinschaft und Beratung für Berliner Mieter
MieterEcho 364 / Dezember 2013

Very british

Wie kam es zur Wohnungskrise in Großbritannien?

 

Warum Großbritannien? Wie sich neoliberale Politik auf den Wohnungsmarkt auswirkt, wird in Großbritannien am deutlichsten. In Großbritannien begann der neoliberale Rollback in Europa und auch heute noch liefert das Land abschreckende Beispiele für die Auswirkungen der Sparpolitik – vor allem zulasten der Armen. Das ist umso dramatischer, weil Großbritannien über lange Zeit eine umfassende öffentliche Wohnraumversorgung hatte. Diese fiel der Sparpolitik zum Opfer.         

Die Orientierung auf Wohneigentum verschärfte das Problem der Wohnraumversorgung, anstatt es zu lösen. Heute hat Großbritannien eine Wohnungskrise, die vor allem in den Großstädten deutlich wird: Unbezahlbare Mieten, überschuldete Wohnungseigentümer, steigende Wohnungslosigkeit und ein völlig unregulierter privater Mietwohnungsmarkt, der keine Besserung verspricht.

 

 

Von Michael Edwards   

Dem deutschen Publikum dürften die Auswirkungen der aktuellen britischen Wohnungskrise bekannt vorkommen. Ihre Ursachen sind aber nur mit Blick auf die Entwicklung der Wohnungssituation zu verstehen, die sich grundlegend von der in Deutschland unterscheidet. Eine Betrachtung der geschichtlichen Hintergründe verdeutlicht die Entstehung der Wohnungskrise in Großbritannien.           

 

Michael Edwards unterrichtete über 30 Jahre an der Bartlett School of Architecture and Planning des University College London. Sein Fokus liegt auf Planung und Stadtentwicklung in London. Er ist Mitbegründer von INURA – International Network for Urban Research and Action.

Blog: http://michaeledwards.org.uk

 

In Großbritannien finden sich heute noch Elemente einer Feudalgesellschaft, weil es nie eine wirkungsvolle Revolution oder Landreform gab. Aristokraten haben weiterhin eine machtvolle Rolle inne und verfügen über großflächiges Grundeigentum. Sie besitzen Wälder und Berge, Flächen in Großstädten sowie landwirtschaftliche Anwesen. Die Mitglieder der britischen Königsfamilie empfangen die meisten EU-Subventionen für Landwirtschaft und der reichste Mann der Nation, der Herzog von Westminster, besitzt einen Großteil des gleichnamigen Londoner Stadtbezirks. Diese altertümlichen Eigentumsstrukturen existieren parallel zum ebenfalls umfangreichen Grundbesitz der Pensionskassen sowie anderer Finanzinstitute und Investoren. Dementsprechend basiert wirtschaftliche Macht in Großbritannien erheblich auf der Einnahme von Mieten und Pachten sowie der Wertbildung durch Grundbesitz.      

 

Privilegien der Eigentümer gegenüber Mieter/innen   

Teil des historischen Erbes sind ungleiche Geschäftsbedingungen zwischen Eigentümern und Mieter/innen. Eigentümer sind deutlich besser gestellt bezüglich der rechtlichen Absicherung, der Steigerung der Miete im Verhältnis zur Inflation sowie der gegenseitigen Rechte und Pflichten. Einige sozialdemokratische Reformen im frühen 20. Jahrhundert änderten zwar die Machtbalance ein wenig zugunsten der Mieter/innen und führten zu einer Kontrolle der Mieten, jedoch wurden diese Reformen im Zuge des neoliberalen Umbaus rückgängig gemacht.Die Neoliberalisierung begann in den 70er Jahren und fand ihre härteste Vollstreckerin in Margaret Thatcher. Spätere Regierungen führten die Neoliberalisierung bis heute fort.

 

Frühe Industrialisierung               

Als Pionier der Industrialisierung und des Finanzkapitalismus erlebte Großbritannien bereits im 18. und frühen 19. Jahrhundert eine rasante Urbanisierung und damit viel früher als die meisten anderen europäischen Länder. Die Urbanisierung führte zum Wohnungselend der neuen städtischen Arbeiterklasse. Beschreibungen der Dramatik finden sich etwa in Friedrich Engels Bericht „Zur Lage der arbeitenden Klasse in England“. Diese Wohnungsproblematik schwelte Jahrzehnte vor sich hin, bis sie in Auseinandersetzungen gipfelte, in deren Folge die Arbeiterbewegung zahlreiche linke Stadtregierungen in vielen Industriestädten und Teilen Londons an die Macht bringen konnte. Diese Kommunen wurden die wesentlichen Erbauer und Eigentümer des Council Housing (Gemeindewohnungsbau) des 20. Jahrhunderts. Zugute kamen ihnen neue nationale Gesetzgebungen und eine Politik, die nach den beiden Weltkriegen auch von gemäßigten bis konservativen Politikern unterstützt wurde, geleitet vom Wunsch der herrschenden Klasse, „Wohnungen für Helden“ bereitzustellen. Dies in Kombination mit starker Arbeitermacht führte zum Aufstieg des Council Housing, der in vielen Städten schnell zur vorherrschenden Wohnform wurde und in den Nachkriegsjahrzehnten etwa die Hälfte des Wohnungsbaus ausmachte.       

                                           

Spekulation und Wohnungsprivatisierung       

Eine Besonderheit des britischen Kapitalismus stellte über Jahrhunderte die große Macht der Banken und anderer Finanzinstitute gegenüber dem Industriekapital dar. Steigende Mieten und Grundstückspreise wurden zu einem wichtigen Zweig der Kapitalakkumulation. Hypotheken zum Kauf von Wohnraum entwickelten sich zu einem zentralen Geschäftsfeld der Kreditgeber und sorgten für einen gigantischen Aufschwung des privaten, spekulativen Wohnungssektors, vor allem in den 30er Jahren und erneut seit den 70er Jahren. Viele Familien, auch aus der besser bezahlten Arbeiterschicht, wurden dadurch Eigenheimbewohner. Im Jahr 2006 besaßen etwa 70% aller Haushalte Wohneigentum. Währenddessen schrumpfte der soziale Wohnungsbestand durch die Privatisierung ganzer Anlagen und durch den Verkauf einzelner Wohnungen an die Mieter/innen zu Preisen weit unter dem Marktwert. Diese Mieterprivatisierung wurde von Margaret Thatcher unter dem Slogan „Right to Buy“ (Recht auf Kauf) forciert und sie ist immer noch Praxis. Der private Mietwohnungssektor hingegen wurde durch staatliche Regulierung, die günstigere Alternative des Council Housing und den einfachen Zugang zu Krediten für die individuelle Wohneigentumsbildung stark eingedampft und kam beinahe zum Erliegen.                                       

 

Heutige Probleme als Resultat einer langen Entwicklung   

In den 80er Jahren hörten die britischen Kommunen auf, neue Wohnungen zu bauen. Der Wohnungsneubau kam seitdem – selbst mit der bescheidenen Bauleistung der nicht-gewinnorientierten Housing Associations – nie wieder richtig in Fahrt. Das Ergebnis war – und ist immer noch – ein ungenügendes Angebot, das einer stetig wachsenden Nachfrage gegenübersteht. Die Nachfrage resultiert aus einer zunehmenden Bevölkerungszahl und vor allem aus den – zumindest für einen Teil der Menschen – gestiegenen Einkommen, die das Bedürfnis nach größeren und besseren Wohnungen und manchmal sogar nach einem Zweitwohnsitz wecken. Die erhöhte Nachfrage läutete eine Ära rapide steigender Marktpreise ein und brachte satte Extra-Profite für die Eigentümer. Auf der anderen Seite stellte sie Wohnungssuchende vor schwere Probleme beim Finden von erschwinglichem Wohnraum und vor allem jungen Haushalten wurde der Zugang zum Wohnungsmarkt enorm erschwert.                   

Die britischen Immobilienpreise stiegen europaweit am schnellsten. Die größten Preissteigerungen erfolgten in London und im Süd-Westen Englands, wo eine sich selbst verstärkende Aufwärtsspirale in Gang gesetzt wurde, weil sowohl Privatpersonen als auch Investoren begannen, verstärkt um Immobilien als lukrative Anlageobjekte zu konkurrieren.                                           

 

Rückkehr des privaten Mietmarkts           

In dieser Situation kam es zur außergewöhnlichen Rückkehr des privaten Mietsektors. Viele große und – vor allem – kleine Investoren kauften Häuser und vermieteten sie an die wachsende Zahl von Haushalten, denen es nicht mehr möglich war, ein Eigenheim zu erwerben oder dauerhaft eine der rar gewordenen Sozialwohnungen zu bekommen. Großbritannien ist heute ein Land, in dem die Wohnsituation für Menschen mit mittleren und niedrigen Einkommen zunehmend schlechter wird. Die Kaufpreise oder Pachten für Grundstücke machen heute vor allem in den Städten mehr als die Hälfte der Neubaukosten aus. Die Obdachlosigkeit steigt, der durchschnittliche Wohnflächenverbrauch gehört zu den niedrigsten in Europa und die Mietzuschüsse, die der Staat ungeachtet der wilden Sparorgien derzeit zahlt, um die Lücke zwischen den niedrigen Löhnen und den hohen Mieten zu schließen, steigen rasant und kommen letztendlich nur den Vermietern zugute.

So ist die Bevölkerung Großbritanniens mit einer katastrophalen Wohnungssituation konfrontiert. Sie ist Opfer einer von den Interessen des Grundeigentums und des Finanzkapitals dominierten Marktwirtschaft. Die Details unterscheiden sich zwar von denen anderer europäischer Länder – die Mechanismen und die grundliegenden Verhältnisse sind jedoch gleich. Es zeigt sich deutlich, dass „gutes Wohnen für alle“ einfach nicht mit liberalisierten Marktbedingungen zu bekommen ist.             

Übersetzung aus dem Englischen und redaktionelle Bearbeitung: Philipp Mattern.

 

Private Finance Initiative (PFI): private Finanzierung für die Instandhaltungen und Verwaltungen der Bestände, eine Art öffentlich-private-Partnerschaft Arm’s Length Management Organisation (Almo): von den Kommunen seit 2002 ausgelagerte Hausverwaltung in Council Housing

Council Housing: Gemeindewohnungsbau, gehört zum Social Housing, mit eigenem Mietrecht

(Not-for-Profit) Housing Associations: private Wohnungsunternehmen, die nicht gewinnorientiert sind, auch als Social Landlords bezeichnet Social Housing: sozialer Wohnungsbau, besteht aus Council Housing und aus Social Housing, beinhaltet auch zeitlich befristeten Wohnraum sowie Wohnungen der Social Landlords

Stock Transfer: Übertragung von Council Housing auf Housing Associations


MieterEcho 364 / Dezember 2013

Schlüsselbegriffe: England, Wohnungsmarkt, Wohnungskrise, Großbritannien, Feudalgesellschaft, Aristokratie, Grundbesitz, Industrialisierung, Margaret Thatcher, Neoliberalisierung, Council Housing, Spekulation, Wohnungsprivatisierung, Housing Associations

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