Interessengemeinschaft und Beratung für Berliner Mieter
MieterEcho 362 / September 2013

Entwicklung mit Ansage

Hohe Angebotsmieten, niedrige Unterbringungsquoten: Studierende bekommen die prekäre Wohnraumversorgung zu spüren

Von Christian Linde                                                

In den zurückliegenden zehn Jahren hat sich die Zahl der Studierenden bundesweit um knapp ein Viertel erhöht. Gleichzeitig blieb die Zahl der Wohnheimplätze nahezu unverändert. Die Interessenvertreter der Studierenden fordern eine Erhöhung der Sozialwohnungsquote bei Neubauten sowie deutlich mehr Wohnheimplätze.    


Dutzende Bewerber/innen auf ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft? Kein Einzelfall. Studierende stehen auf der Suche nach einer Unterkunft in immer längeren Schlangen und müssen mit Aufnahme des Studiums zunehmend auf Provisorien ausweichen. Hörsäle, Zelte und Turnhallen dienen mittlerweile als „Alternative“. Denn herkömmliche Mietwohnungen oder Plätze in studentischen Wohnheimen sind für den Akademikernachwuchs Mangelware oder unerschwinglich. Die im Rahmen des von Verkehrsminister Ramsauer einberufenen zweiten runden Tisches zur studentischen Wohnungsnot am 7. Juni 2013 vorgestellte Studie „Wohnraum für Studierende“ bestätigt nun die seit Jahren beklagte Situation. So hat sich die Zahl der Studierenden zwischen 2002 und 2012 von rund 1,7 Millionen auf nahezu 2,2 Millionen um fast ein Viertel vergrößert. Vor allem seit 2010 ist ein starker Anstieg zu verzeichnen. Denn mit den gestiegenen Abiturientenquoten, den doppelten Abiturjahrgängen aufgrund der verkürzten gymnasialen Schulausbildung auf acht Jahre sowie Aussetzung der Wehrpflicht im Jahr 2011 war der Ansturm auf die Universitäten programmiert. Unter den fünf größten Hochschulstandorten verzeichnen Frankfurt/Main und München Zuwächse von über 20%. Köln liegt bei 11,2%, Hamburg bei 10% und Berlin bei 7,1%. Eine Entspannung ist nicht abzusehen, denn der doppelte Abitur-Jahrgang steht noch in vier Bundesländern bevor, darunter im bevölkerungsstarken Nord-rhein-Westfalen und in Hessen. Doch anstatt auf die sich seit Jahren ankündigenden Veränderungen zu reagieren, steht der Zunahme an Studierenden von fast 23% in zehn Jahren gerade einmal ein Anstieg der Wohnheimplätze von 3% gegenüber.     

                                

Hohe Angebotsmieten, niedrige Unterbringungsquote    

„Brennpunkte ergeben sich vor allem an Hochschulstandorten mit allgemein hohem Mietpreisniveau. Hier sind vor allem Großstädte beziehungsweise Großstadtregionen betroffen, aber auch einige mittelgroße Hochschulstädte fallen in diese Kategorie“, heißt es im „Kurzgutachten zu Entwicklungen, Trends und Potenzialen für Studentisches Wohnen“, das der Bundesverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen (BFW) vorgelegt hat. Zu den wesentlichen Indikatoren hierfür gehört die Unterbringungsquote, also das Verhältnis von Wohnheimplätzen und Studierendenzahl. Fällt sie niedrig aus, kann dies die Wohnsituation zusätzlich verschärfen. „Bei den Hochschulstandorten mit mehr als 3.000 Studierenden zeigt sich, dass insbesondere viele Großstädte wie Hamburg, Berlin, Köln, Frankfurt und Bremen eine Unterbringungsquote von weniger als 10% aufweisen“, heißt es in der Studie. Dort bewegen sich die Angebotsmieten entsprechend zwischen 6 und 8 Euro/qm nettokalt und zum Teil auch darüber.             

In Berlin existieren für die 160.000 Student/innen rund 9.500 Wohnheimplätze. Nach Bremen ist das die zweitschlechteste Versorgungsquote. Um zumindest zum Bundesdurchschnitt aufzuschließen, sei allein in Berlin die Errichtung von mindestens 5.000 neuen Wohnheimplätzen erforderlich, waren sich der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und die Geschäftsführerin des Studentenwerks Petra Mai-Hartung Anfang April einig.

Im Bundesdurchschnitt ist bei steigender Zahl der Studierenden die Quote der Wohnkapazitäten zwischen 1991 und 2012 von 14,9% auf 10,6% gesunken. Laut Bundesministerium für Bildung und Forschung geben Studierende im Durchschnitt rund 35% ihrer monatlichen Einkünfte für das Wohnen aus. Die monatlichen Ausgaben für Miete und Nebenkosten betrugen 2009 im Mittel 281 Euro. Aktuell sind es bereits rund 300 Euro.Angesichts der Zahlen fordert das Deutsche Studentenwerk (DSW) ein Bund-Länder-Programm für insgesamt 25.000 zusätzliche preisgünstige Wohnheimplätze. Den staatlichen Zuschussanteil beziffert das DSW auf 660 Millionen Euro. „Nur mit staatlicher Förderung können die Studentenwerke preisgünstige Mieten erreichen“, betonte DSW-Präsident Dieter Timmermann auf der Jahresversammlung der Studentenwerke Anfang Dezember. „Die sich im Bau befindlichen und geplanten Studentenwohnheime reichen zur Stabilisierung der Unterbringungsquote in Wohnheimen nicht aus“, zu diesem Schluss kommt auch der Immobilienverband BFW in seiner Studie.             

 

Lösungen jenseits des Markts                

Studierendenverbände sehen private Investoren allerdings als Teil des Problems. Weil die Mieten für studentischen Wohnraum im privaten Sektor rasant steigen, fordert der „Freie Zusammenschluss von StudentInnenschaften“ (FZS) deshalb Lösungen jenseits des freien Wohnungsmarkts. „Auch die steigende Anzahl der privaten Wohnheimplätze löst die Probleme nicht, da die Mieten zumeist weit über der BAföG-Wohnraumpauschale von 224 Euro liegen“, so das FZS. Notwendig sei die Schaffung von Wohnraum im unteren Preissegment, um allen Studierenden möglichst schnell eine Wohnung zur Verfügung zu stellen. Die Dachorganisation hat eine Kampagne zur Bekämpfung studentischer Wohnungsnot gestartet. „Wir fordern eine Erhöhung der Sozialwohnungsquote bei Neubauten sowie einen deutlichen Ausbau der Wohnheime der Studierendenwerke“, so Katharina Mahrt vom FZS-Vorstand. Studentischer Wohnraum bedeute nach dem Verständnis der Studentenorganisation: „Bezahlbare Miete statt Rendite.“        

 

 

Weitere Informationen zur Wohnraumkampagne des FZS: www.fzs.de

 

 


MieterEcho 362 / September 2013

Schlüsselbegriffe: Studierende, Wohnheimplätze, Studentenwohnheime, Unterbringungsquote, Angebotsmieten, Deutsche Studentenwerk, Freie Zusammenschluss von StudentInnenschaften, FSZ, Sozialwohnungsquote

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