Berliner Mietergemeinschaft e.V.

Interessengemeinschaft und Beratung für Berliner Mieter
MieterEcho 357 / Dezember 2012

Luxus-Loft statt Grundschule

Die Freie Schule Kreuzberg steht vor der Räumung

Robert Maruschke

Die Freie Schule Kreuzberg hat vom neuen Eigentümer Estavis AG die Kündigung erhalten. Statt eines alternativen Schulkonzepts wird am Lausitzer Platz demnächst das Wohnkonzept Luxus-Loft erprobt. Für die Kinder, Eltern und Lehrer/innen weitet sich das Problem des angespannten Wohnungsmarkts somit auf den Schulalltag aus.

 


Eva* (9) und Lukas* (6) gehen gern in die Freie Schule Kreuzberg (FSX). Sie mögen die anderen Kinder, ihre Lehrerin, das selbst gekochte Mittagessen und den Unterricht. Hier können sie ihre Lernzeiten etwas freier einteilen und eigene Projekte verwirklichen. Das letzte Projekt war ein wenig anders als sonst. Die Kinder saßen im Kreis und überlegten sich Sprüche für Schilder und Transparente für die nächste Mietendemo: „Wir müssen raus, heißt das jetzt ‚Aus die Maus’?“ und „Wir wollen hier nicht weg!“. Es ist schwierig, den Kindern zu erklären, warum Investoren das Recht haben, Menschen aus ihren Wohnungen und Schüler/innen aus ihren Klassenräumen zu werfen: „Warum dürfen die das?“ – „Weil sie mehr Geld haben.“ „Woher kommt das Geld?“ – „Das kommt von deinen Eltern, weil sie so viel Miete zahlen.“ „Stimmt, Johannes musste doch auch ausziehen, weil es zu teuer war. Und Aydin. Und Moritz.“



Auch Eiszeit-Kino betroffen

Die in Berlin ansässige Estavis AG hatte Anfang des Jahres 2012 das Haus in der Zeughofstraße gekauft und kündigte rechtmäßig den Gewerbemietvertrag. Seitdem laufen Verhandlungen, bei denen der neue Eigentümer stets betont, niemanden verdrängen zu wollen. Die Mieter/innen im Vorderhaus, das Eiszeit-Kino und die FSX im Hinterhaus haben  aber allen Grund zur Skepsis, denn es ist anzunehmen, dass die Estavis AG das Haus entmieten und teuer weiterverkaufen will. Schließlich hat sie „die gesamte Wertschöpfungskette auf einen erfolgreichen Exit ausgerichtet“. Ein möglicher neuer Investor stand bei der Präsentation der Demo-Sprüche der Schüler/innen zufällig im Hof. Die Mitarbeiter der DGG AG aus Leipzig wollten wissen, wie denn die Gegend so sei. Keine Antwort. Viel zu  besprechen gab es auch nicht. Die Website der DGG AG findet jedoch klare Worte: „Die DGG AG kauft, entwickelt, modernisiert, profiliert und sie verkauft Immobilien.“ Die Zeichen stehen auf  Aufwertung und Vertreibung.



„Bis sie mich raus tragen.“

Auch die FSX ist somit von der Gentrifizierung betroffen. Zahlreiche Mieter/innen müssen derzeit unter dem Profitdruck des Wohnungsmarkts ihre Kieze verlassen und sich dort einleben, wo der Quadratmeter noch nicht vergoldet ist. Diese schmerzhaften stadtpolitischen Prozesse wurden und werden in Berlin von allen Parteien gutgeheißen und gefördert. Der Raum wird aber nicht nur für Mieter/innen mit geringem Einkommen knapp. Auch viele soziale Projekte wissen nicht mehr wohin, denn schließlich kann mit ihnen kein Geld verdient werden. Für soziale Projekte wie die FSX bleibt nur die aufreibende Suche nach anderen Räumlichkeiten und der offensive Umgang mit dem neuen Eigentümer. Rita Berger*, eine der Lehrer/innen, kommentiert eine mögliche Räumung mit dem Worten: „Da bleibe ich mit dem Schlafsack hier, bis sie mich raus tragen.“ Das dürfte dem Eigentümer nicht gefallen, denn unter Polizeischutz geräumte Schulen sehen nicht gut aus. Es wird deutlich, dass sich der Ton verschärft.

Immer öfter geht es an die Existenz, sei es bei Familien oder sozialen Projekten. Deswegen besetzten Senior/innen ihre Begegnungsstätte in der Stille Straße 10 und Grundschüler/innen gehen auf Demonstrationen. Es wird ein ungemütlicher Winter, auch für Investoren und Politiker. Vielleicht heißt es bald für die profitorientierte Stadt- und Sozialpolitik: ‚Aus die Maus’?

 

*Namen geändert

 

Die Freie Schule Kreuzberg (FSX) ist eine von Eltern, Lehrer/innen und auch Schüler/innen selbstorganisierte Grundschule in der Zeughofstraße 19 in Kreuzberg. Alle Beteiligten haben sich zum Ziel gesetzt, „einen gemeinsamen Lebens- und Lernort für Erwachsene und Kinder zu schaffen, an dem Selbstbestimmung, Selbstverantwortung und tolerantes Zusammenleben wichtig sind und sich alle Beteiligten wohl fühlen“. Die FSX ist somit eine der wenigen progressiven bildungspolitischen Alternativen in Berlin. (rm)

Weitere Infos: www.freieschulekreuzberg.de


MieterEcho 357 / Dezember 2012

Schlüsselbegriffe: Freie Schule Kreuzberg, FSX, Luxus-Loft, Estavis AG, Kündigung, Eiszeit-Kino, Zeughofstraße, Aufwertung, Vertreibung, Gentrifizierung, profitorientierte Stadtpolitik

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