Interessengemeinschaft und Beratung für Berliner Mieter
MieterEcho 357 / Dezember 2012

„Durch verändertes Nutzerverhalten sind Energieeinsparungen von 25% möglich.“

Was haben Mieter/innen angesichts der hohen Mieterhöhungen von energetischen Modernisierungen?

Interview mit dem Bauingenieur Martin Schultze

Für Mieter/innen stellt sich die Frage, was energetische Sanierungen tatsächlich bringen, denn es folgen drastische Mieterhöhungen. Zudem ist zweifelhaft, dass die damit verbundenen Ziele der Energieeinsparung überhaupt erreicht werden. Das MieterEcho fragte Martin Schultze, der sich als Bauingenieur mit der technischen Umsetzung der energetischen Modernisierung bestehender Wohnhäuser beschäftigt hat.



MieterEcho: Wie viel ist bei Miethäusern durch eine neue Dämmung an Energieeinsparung herauszuholen? Lohnen sich die Maßnahmen für Mieter/innen?

Martin Schultze: Das Thema Wärmedämmung beinhaltet verschiedene Aspekte der Baukonstruktion, der Bauphysik und des Nutzerverhaltens, die von Objekt zu Objekt verschieden sind. Ob die geplanten Dämmwerte durch die Baumaßnahmen tatsächlich erreicht werden, steht auf einem anderen Blatt. Hohe Einsparpotenziale bieten industrialisierte Plattenbauten der ehemaligen DDR und im Westen in der Regel sehr einfach ausgeführte Häuser, bei denen Wärmedämmung keine Rolle spielte. Auch haben allein stehende Gebäude größere Einsparpotenziale als Geschossbauten und Reihenhäuser, da mehr Flächen an die Außenluft grenzen. Unberücksichtigt bleibt in den Berechnungen das generelle Nutzerverhalten: Menschen, die weniger Heizen und eher mal einen Pullover anziehen, haben weniger von energetischen Sanierungen als diejenigen, die dem statistisch ermittelten Wohnverhalten entsprechen. Letztendlich kann der Umfang einer sinnvollen und für die Bewohner/innen verträglichen Wärmedämmung nur im Einzelfall entschieden werden.


Die Herstellung der Dämmung ist energieintensiv. In welchem Verhältnis steht das zur Energieeinsparung?
Die am meisten eingesetzten Dämmstoffe basieren auf Erdöl. Auf dem Papier sollen sie sich üblichen Berechnungen zufolge in der angesetzten Lebensdauer von 30 Jahren amortisiert haben. Diese Berechnungen basieren in der Regel auf projizierten Brennstoffpreisen und sind mit Vorsicht zu genießen. Außerdem muss die neue Außenhaut auch mal gestrichen oder bei Vandalismus repariert werden. Problematisch ist die Entsorgung. Prinzipiell sind Wärmedämmverbundsysteme Sondermüll. Der Aufwand ihrer Entsorgung hängt von den eingesetzten Baustoffen ab. Die normale Außenwanddämmung besteht aus Klebestoffen, dem Dämmstoff und den äußeren Schutz- und Farbschichten mit Bioziden. Der am meisten eingesetzte Polystyrol-Hartschaum (Styropor) lässt sich schwer in seine chemischen Bestandteile trennen. Das alles steht einer erfolgreichen Wiederverwertung entgegen. Anzumerken ist, dass nach dem Ende der Lebensdauer der Baustoffe in einigen Jahrzehnten erhöhte Entsorgungsmengen zu erwarten sind.



Energieeinsparverordnung (EnEV)

Die EnEV ist zentraler Baustein der Energie- und Klimaschutzpolitik der Bundesregierung. Sie geht auf die EU-Richtlinie „Über die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden“ (Richtlinie 2002/91/EG) zurück und fasste die vorher gültigen Heizungsanlagen- und Wärmeschutzverordnungen zusammen. Seit der ersten EnEV (2002) gab es drei Neufassungen, eine weitere ist für nächstes Jahr vorgesehen. Diese beruht auf einer Neufassung der EU-Richtlinie von 2010, die unter anderem vorsieht, den Energieverbrauch in der Union bis 2020 um 20% zu senken. Die EnEV definiert verbindliche Grenzwerte und Berechnungsweisen für den Primärenergiebedarf von Gebäuden. Dabei werden die Wärmedämmfähigkeit der Gebäudehülle sowie die Energieeffizienz der technischen Ausstattung und dabei insbesondere der Heizungsanlage berücksichtigt. Daraus ergibt sich eine Gesamtbilanz des Energieverbrauchs und der CO2-Emissionen. Für bestehende Gebäude gilt, dass Energieverluste der Gebäudehülle um 15% und der Gesamtenergieverbrauch der Gebäude um 30% gesenkt werden soll. Verpflichtend sind Dämmmaßnahmen, wenn mehr als 10% der Fassade verändert werden, beispielsweise bei einer Putzsanierung. Das Energiekonzept der Bundesregierung sieht vor, dass jährlich 2% des Gebäudebestands energetisch modernisiert werden. Dies würde die Verdoppelung auf rund 360.000 Gebäude bedeuten. Finanziell gefördert werden diese Maßnahmen mit zinsgünstigen Krediten der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) in Höhe von derzeit 1,5 Mrd. Euro pro Jahr. (hw)

 

 

Was ist von Berechnungen zu halten, die bei der Planung der energetischen Sanierung angewendet werden?

Die aktuellen Normen versuchen, eine Bilanz aus dem Energieverbrauch und Einflüssen aus der Umwelt – Kälte wie auch Sonneneinstrahlung – zu erstellen. Also wird per Programm eine Liste der Bauteile und ihrer Durchgangswerte, der verschiedenen Nutzungsflächen und der Haustechnik erstellt und berechnet. Ein Test des Deutschen Ingenieurblatts vom Oktober 2008 zeigte in einem Vergleichstest gebräuchlicher Programme gravierende Abweichungen. Auch werden Normen immer weiter fortgeschrieben, was die Programmpflege sehr problematisch macht.

 

 

Welche baulichen Maßnahmen lohnen sich meist und welche sind oft wenig effektiv oder einfach unverhältnismäßig teuer?

Generell ist die Dämmung großer Außenflächen sinnvoll, wobei die Dachflächen konstruktiv am einfachsten zu dämmen sind. Der Austausch der Fenster hat oft ebenfalls großen Wert und auch die Modernisierung einer alten Heizungsanlage. Zeitgleich sollte den Bewohner/innen ein anderes Nutzerverhalten (Lüften etc.) vermittelt werden. Eine Innendämmung bringt dagegen nur Probleme und ist aus bauphysikalischen Gründen abzulehnen.

 

 

Welche Probleme können entstehen, wenn ein Haus ordentlich eingepackt wurde?

Die Raumluft muss öfter ausgetauscht werden, da sonst Schimmelbefall droht. Die Brand- und Feuergefährlichkeit der Dämmung ist umstritten. Auch wenn die Fassade schwerentflammbar ist, können kleinere Brände Giftstoffe freisetzen. Bei Wärmedämmverbundsystemen fällt die Putztemperatur unter die Umgebungstemperatur, Feuchtigkeit lagert sich an und es droht Algenbefall. Daher werden im Putz Biozide eingesetzt, die mit der Zeit ausgewaschen werden und ins Grundwasser gelangen. Bei nicht fachgerechter Dämmung können Wärmebrücken entstehen, die Schimmelbildung in den Wohnräumen fördern. Auch Balkone in all ihren unterschiedlichen Bauformen sind konstruktiv sehr schwer zu behandeln.

 


Wann würden Sie von einer Fassadendämmung abraten?

Bei Gebäuden, die städtebaulich oder architektonisch bemerkenswert sind. Im Allgemeinen auch bei komplexen Fassaden, bei denen durch Wärmebrücken bauphysikalische Probleme entstehen können.Durch energetische Sanierungen werden Häuser technisch immer weiter aufgerüstet.

 

 

Was bedeutet das für den Wartungsaufwand?

Mehr Technik bedeutet immer auch mehr Wartung. Diese schlägt sich nicht unbedingt in der Energiebilanz nieder, erhöht aber die Betriebskosten.

 

 

Was würden Sie Mieter/innen und Vermietern jenseits großer Baumaßnahmen zum Zweck der Energieeinsparung raten?

Miteinander Reden. Und dass Maßnahmen der Wärmedämmung sinnvoll – dem realen Nutzerverhalten und der Bausubstanz entsprechend – eingesetzt werden, damit sie nicht zu unnötigen Belastungen der Mieter/innen führen. Untersuchungen ergaben, dass allein durch verändertes Nutzerverhalten Energieeinsparungen von 25% möglich sind: Nebenräume und Badezimmer müssen zum Beispiel nicht unbedingt so stark beheizt werden wie Wohnräume. Ein kurzes Durchlüften der Wohnung mit weit geöffneten Fenstern ist sinnvoller als lange gekippte Fenster. Letztendlich muss jeder selbst entscheiden, wie seine/ihre Toleranz gegenüber der Kälte ist.

 


Vielen Dank für das Gespräch.


Das Interview führte Tobias Höpner.




MieterEcho 357 / Dezember 2012

Schlüsselbegriffe: energetische Sanierung, Mieterhöhungen, Energieeinsparung, Wärmedämmung, Nutzerverhalten, Wärmedämmverbundsysteme, Entsorgung, Fassadendämmung, Betriebskosten

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