Berliner MieterGemeinschaft e.V.

Interessengemeinschaft und Beratung für Berliner Mieter
MieterEcho 350 / Oktober 2011

Architektur im Dienst des Sozialen

Interview mit der Autorin Beatriz Pedro, Architektin und Dozentin an der Universität von Buenos Aires

Seit 2002 leitet Beatriz Pedro den Bereich Wohnungswesen des Sozialprojekts „Freie Werkstatt“. Im Rahmen dieses Projekts findet eine an sozialen Bedürfnissen orientierte Zusammenarbeit mit sozialen Bewegungen und Nachbarschaftsorganisationen statt. Die „Freie Werkstatt“ wird von Dozenten verschiedener Fachrichtungen sowie von studentischen Gruppen unterstützt.

 

MieterEcho: Was ist die „Freie Werkstatt“?


Beatriz Pedro: Die Werkstatt ist ein fakultätsübergreifender Lehrstuhl, der die Fachbereiche für Architektur, Gestaltung und Stadtplanung der Universität von Buenos Aires einbezieht. Der Lehrstuhl wurde im Jahr 2002 angesichts der wirtschaftlichen und sozialen Krise ins Leben gerufen mit der klaren Orientierung auf die sozialen Notwendigkeiten der Bevölkerung. Aktuell arbeitet der Bereich mit 18 Dozenten und 90 Studenten, die nach einem theoretischen Seminar ihre praktische Arbeit in zwei Bereichen entwickeln: im Wohnungswesen und im Bereich der Entwicklung und Gestaltung neuer Produkte in Zusammenarbeit zum Beispiel mit den Belegschaften besetzter Fabriken. Gleichzeitig finden Untersuchungen statt, die auf Konferenzen diskutiert werden und der Problemdiagnose und Suche nach Lösungen dienen.



Wie hat sich die Architekturausbildung in Argentinien entwickelt?


Die 150-jährige Geschichte der Architekturausbildung in Argentinien hat ihren Ursprung in einer kleinen elitären Akademie nach dem Vorbild der „Schule der schönen Künste“ in Paris. Nach dem Ende der Militärdiktatur 1983 entwickelte sich die Fakultät zu einer der bedeutendsten Design-Hochschulen der Welt mit 25.000 Studenten und mit den Bereichen Architektur, Grafik-, Sound- und Mode-Design sowie Landschaftsgestaltung. Das Potenzial des Zusammenwirkens der verschiedenen Disziplinen übersetzte sich jedoch weder in eine politisch-institutionelle Aufmerksamkeit für die kritischen Lebens-, Wohn- und Arbeitsverhältnisse von Millionen von Menschen noch in die Ausarbeitung eines integralen Ansatzes, der Fachleuten eine Orientierung zur Lösung der Probleme hätte geben können.



Welche Auswirkungen hatte die Militärdiktatur auf die Architekturfachbereiche?


Die Erfahrungen eines Projekts in Cordoba, der zweitgrößten Stadt Argentiniens sind dafür ein Beispiel. Nach dem Cordobazo, einem Aufstand 1969, der Ähnlichkeiten mit dem französischen Mai 1968 aufweist, vereinigten sich dort verschiedene Studiengänge und bündelten ihre Forderungen, um ihrer Besorgnis über soziale Missstände Gehör zu verschaffen. Diese Bewegung wurde von der Militärdiktatur (1976-1983) verfolgt. Mehr als 200 Studenten und engagierte Fachleute der Architekturfakultäten wurden ermordet, womit die Programme des sozialen Wohnungswesens zum Erliegen kamen.



Vor welchem Hintergrund entstand dann die „Freie Werkstatt“?


In den 90er Jahren spiegelte die Architektur die sozioökonomischen Bedingungen wieder, die in den lokalen und globalen Zentren der Macht bestimmt wurden, die Architektur vereinnahmte und deren Ausrichtung auf Oberflächlichkeiten prägte. Parallel dazu entwickelte sich nach einem Jahrzehnt des wirtschaftlichen Wachstums ein Defizit von drei Millionen Wohnungen in ganz  Argentinien. Die Krise von 2001 provozierte eine neue politische Studentenbewegung sowie neue Szenarien in akademischen und beruflichen Bereichen sowie bei sozialen Organisationen. Vor diesem Hintergrund wurde das Sozialprojekt „Freie Werkstatt“ geboren.



An welcher Stelle und wie agiert die Werkstatt in diesem Gefüge?


Das Aufeinandertreffen dieser neuen sozialen Bewegungen und Prozesse war eine Antwort auf die Krise. Verlassene Fabriken wurden besetzt, die Bewegungen der Arbeitslosen und Nachbarschaftsorganisationen machten zahlreiche Erfahrungen im Kampf und bei der Lösung unmittelbarer Probleme der Lebensmittel-, Wohnraum- und Gesundheitsversorgung. Zur gleichen Zeit wurde im universitären Bereich an Problemen in der Produktion, Technik und Gestaltung gearbeitet, um das Soziale zu fördern. Hier liegen der Sinn und die Aufgabe der „Freien Werkstatt“, die den Aufbau von Nachbarschaftszentren, Volksküchen und anderen Infrastruktureinrichtungen unterstützt. Gearbeitet wird außerdem an der Planung, Erschließung und Gestaltung informeller Siedlungen sowie selbst verwalteter Märkte und besetzter Fabriken. Bei unserer Arbeit wird die traditionelle Rolle des Lernens und Lehrens nicht akzeptiert und vor allem gilt das Prinzip, dass die Verantwortung für die Projekte mit denen, die sie benötigen, und jenen, die sie ausführen, geteilt wird.


Vielen Dank für das Gespräch.


Das Interview führte Paula Maether.



Weitere Infos: www.tlps.com.ar




MieterEcho 350 / Oktober 2011

Schlüsselbegriffe: soziale Architektur, Universität von Buenos Aires, Freie Werkstatt, sozialen Bewegungen, Nachbarschaftsorganisationen, fakultätsübergreifender Lehrstuhl, Architekturausbildung Argentinien, Militärdiktatur Argentinien, informelle Siedlungen, Nachbarschaftszentren, Volksküchen, Infrastruktureinrichtungen, Beatriz Pedro, Paula Maether

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