Berliner Mietergemeinschaft e.V.

Interessengemeinschaft und Beratung für Berliner Mieter

Ein Querriegel vor dem Fenster

In Schöneberg plant ein Investor einen Neubaublock genau an der Bezirksgrenze – darunter zu leiden haben Mieter/innen in Kreuzberg

Christoph Villinger
 

Noch kommt Licht, Luft und Sonne in die Hinterhöfe der Gründerzeithäuser in der Eylauer Straße in Kreuzberg. Hier zwischen Monumentenstraße und Dudenstraße fallen die Grundstücke hinter den Häusern steil hinab zur fast zehn Meter tiefer liegenden Bahntrasse zwischen Südkreuz und Hauptbahnhof. Die Mieter/innen haben Ausblick auf ein zum Teil verwildertes Gelände, durch das die S-Bahn fährt und ab und zu ein ICE rauscht. Seit Jahren ist hier auch der grüne Verbindungsweg zwischen dem neuen Park am Gleisdreieck und dem Südgelände vorgesehen. Doch jetzt will ein Investor den Kreuzberger/innen einen 280 Meter langen Gebäuderiegel mit Luxuswohnungen vor die Nase setzen.

 

Es gibt noch immer viele Grenzen in Berlin, zum Beispiel Bezirksgrenzen. Manchmal konnten in ihrem Schutz Biotope entstehen. Und manchmal ermöglichen sie einem Bezirk eine Bauplanung, die Bewohner/innen eines Nachbarbezirks Nachteile bringt. So geschieht es am östlichen Rand von Schöneberg. „Erst im Juni 2010 hatten wir durch eine Postwurfsendung erfahren, dass uns die Schöneberger einen Betonklotz vor die Nase setzen wollen“, berichtet Kathrin Gebhardt, Anwohnerin und Gründungsmitglied der Bürgerinitiative Viktoriakiez. Und selbst dieses Anschreiben des Bezirksamts Tempelhof-Schöneberg verstanden viele nicht, denn in bestem Behördendeutsch war dort von einem „Mischgebiet mit öffentlichen und privaten Grünflächen“ die Rede. Viele dachten an die Pläne, endlich das Gelände links und rechts der Bahntrasse öffentlich zugänglich zu machen.
 

22 Meter hoch, 280 Meter lang

Doch die Baupläne sehen im Wesentlichen etwas ganz anderes vor. Ein 280 Meter langer Gebäuderiegel soll entstehen, mit einer Höhe von bis zu 30 Metern vom Niveau der Bahntrasse aus. Das sind 22 Meter Höhe, betrachtet vom Niveau der Hinterhöfe in der Eylauer Straße.  An den engsten Stellen soll der Abstand zu den Brandwänden an der Eylauer Straße gerade mal 13 Meter betragen. Die beiden Investoren Lior Mamrud und Josif Smuskovics (siehe voriger Beitrag) planen „hochwertige Wohnungen für junge Familien“. Genaue Ansagen, um wie viele Wohnungen es sich handeln wird, wollen sie noch nicht machen. Die Pläne sind ein weiteres Beispiel dafür, dass in Berlin fast nur noch Neubauten im Hochpreissegment geplant werden.
 

Argumente für Ökologie

Innerhalb weniger Wochen formierte sich eine Bürgerinitiative, die dafür sorgen will, dass „die Schöneberger Behörden nicht nur Spekulanten und Investoren, sondern auch die Kreuzberger Anwohner/innen ernst nimmt“. Doch da es kaum möglich ist, mit den Anliegen der Anwohner/innen argumentativ gegen den Bebauungsplan vorzugehen, stützt sich der Widerstand vor allem auf das Thema Ökologie. So wird die auch von Naturschutzverbänden wie dem BUND und der Grünen Liga beklagte „Gefährdung der Lebensräume zahlreicher Tier-, Vogel- und Pflanzenarten“ ins Feld geführt. Die Anwohnerin und Landschaftsplanerin Claudia Kroll betont, dass „der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg zu den am stärksten versiegelten und am dichtesten besiedelten Innenstadtbezirken“ gehört. So wird die Eylauer Straße auch im Umweltatlas der Stadt Berlin aufgrund „hoher Temperaturen, geringer Windgeschwindigkeit und wenig häufigen Luftaustausches als ein Gebiet mit extrem hoher thermischer und bioklimatischer Belastung eingestuft, d.h. als ein stadtklimatisch ungünstiger Siedlungsbereich“. Auch in der Umgebung, beispielsweise in der Bautzener Straße, gründeten sich Bürgerinitiativen, als klar wurde, dass die seit Jahren völlig vergessenen Hinterhöfe und das verwilderte Brachgelände entlang der Bahntrasse auf einmal ins Blickfeld von Investoren geraten sind.
 

„Durchsetzung maximaler Profitinteressen“

Inzwischen ist auch das Stadtplanungsamt des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg eingeschaltet worden. Diplomatisch formuliert heißt es in einer E-Mail an die Bürgerinitiative: „Nach erster Einschätzung gehe ich davon aus, dass nicht alle Neuplanungswünsche des Nachbarbezirks von uns positiv gesehen werden können und dass hierdurch Änderungsbedarf durchaus angezeigt ist.“ Bürgermeister Franz Schulz (B90/Grüne) fand gegenüber der „Berliner Zeitung“ deutlichere Worte. Hier gehe es um die „Durchsetzung maximaler Profitinteressen“.
 

Weitere Infos und Kontakt:
www.viktoriakiez.de
 

MieterEcho Nr. 346 vom März 2011


Schlüsselbegriffe: Eylauer Straße, Schöneberg, Kreuzberg, Luxuswohnungen, Christoph Villinger, Viktoriakiez, Lior Mamrud, Josif Smuskovics

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