Interessengemeinschaft und Beratung für Berliner Mieter

Geschlossene Gesellschaft

„Gated Communities“ in Polen

Tomasz Konicz
 

Betonmauern, Überwachungskameras, meterhohe Umzäunungen und Wohnungseingänge, die an Hochsicherheitstrakte von Gefängnissen erinnern – die alltägliche, latente Angst vieler Transformationsgewinner in Polen um ihr Eigentum hat ein spezifisch urbanes und architektonisches Gepräge erhalten. Vor allem im Großraum Warschau entstand in den letzten 20 Jahren eine für Europa einmalige Anzahl an geschlossenen Siedlungen, zu denen nur die Bewohner – nach Eingabe diverser Sicherheitscodes und erfolgter Identifizierung durch das Wachpersonal – Zutritt haben. Solche abgeschlossenen Wohnanlagen finden sich auch in Wroclaw und – vereinzelt – in Poznan, Kraków und Gdansk.


Übernommen wurde diese auf soziale Segregation abzielende Ghettoisierung des Reichtums aus den Vereinigten Staaten, wo inzwischen Millionen von Mitgliedern der Oberschicht in sogenannten „Gated Communities“ (umzäunte Gemeinschaften) leben. Diese Tendenz zum Schutz des Privatbesitzes nahm ihren Anfang in der wilden Transformationszeit zu Beginn der 90er Jahre, als die Grenzen zwischen kapitalistischer Geschäftemacherei und mafiösen Strukturen fließend waren und die Auseinandersetzungen zwischen „Geschäftspartnern“ oftmals nicht vor Gericht, sondern mit der Schusswaffe ausgetragen wurden.
 

Die wilden Jahre in Polen sind längst vergangen und die Kriminalitätsrate ist ebenfalls rückläufig – doch die Angst der neuen Oberschicht ist geblieben. Als der damalige Student der Stadt- und Regionalplanung Henrik Werth 2004 als einer der ersten Wissenschaftler mit der Quantifizierung dieses Phänomens begann, zählte er rund 200 „Gated Communities“ in der polnischen Hauptstadt. Inzwischen sind rund 400 umzäunte Wohnsiedlungen im Großraum Warschau bekannt.

Die größte geschlossene Siedlung, die schon einem Stadtteil gleicht, bildet der Komplex Marina Mokotów. Er umfasst 1.500 Wohneinheiten unterschiedlicher Preisklassen, in denen 5.000 Menschen schlafen. Neben einem eigenen Wachschutz und eigenen Verkehrspolizisten verfügt Marina Mokotów über Arztpraxen, Einkaufsmöglichkeiten und andere Dienstleistungsbetriebe. Dennoch stößt das Prinzip „Gated Community“ inzwischen in Warschau an seine Grenzen. So mussten beispielsweise die Geschäfte und Restaurants in Marina Mokotów wegen der zu geringen Laufkundschaft für Warschauer/innen von außerhalb der Siedlung zugänglich gemacht werden. Bei etlichen neuen Bauprojekten, wie beispielsweise im Stadtteil Warszawa-Zoliborz, wird inzwischen bewusst auf eine Umzäunung verzichtet.
 

Spannungen zwischen Nachbarschaften

Hinlänglich bekannt sind inzwischen die permanenten Spannungen zwischen den Bewohnerschaften der geschlossenen Siedlungen und deren Nachbarn in den „offenen“ Stadtteilen. Solche Spannungen treten nahezu überall auf, wo Mauern oder Zäune in unmittelbarer Nähe einer älteren Siedlung aufgestellt werden. Die Bewohner/innen der „offenen“ und zumeist in Plattenbauweise errichteten Stadtteile verübeln es den Neuankömmlingen aus der „geschlossenen Gesellschaft“, dass sie ihre öffentliche Infrastruktur nutzen – seien es Spielplätze, Parklücken, Parks oder Grünflächen. Oft verfügen die kleineren „Gated Communities“ aus Kostengründen über keinerlei soziale Infrastruktur, sodass deren Bewohner/innen auf die umliegenden Spielplätze und Parks ausweichen müssen. Diese absurden und kleinlichen Auseinandersetzungen mündeten schon in handfeste Auseinandersetzungen, beispielsweise als eine Gruppe von Plattenbaubewohnern auf das Areal einer umzäunten Siedlung eindrang, um dort eine lautstarke Party zu feiern. Häufig reagieren die Verwaltungen der Plattenbausiedlungen aber auch mit der Errichtung eines eigenen Zauns rund um ihr Territorium.

Die urbane Ödnis dieser Reichenghettos war bereits Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Zumeist wirken die spärlich gesäten öffentlichen Plätze in den „Gated Communities“ wie ausgestorben, da sich die oftmals bis in den späten Abend ackernden Bewohner nach Feierabend in ihren vier Wänden regelrecht verbarrikadieren. Die Ergebnisse ihrer Studien fasste Maria Lewicka, Psychologin an der Universität Warschau, in der Gazeta Wyborcza zusammen. Demnach sterben in diesen Siedlungen die sozialen Kontakte nahezu vollständig ab, während das Denunziantentum der Bewohner/innen untereinander regelrecht aufblüht, die kleinlich jegliches Fehlverhalten der Siedlungsverwaltung melden. Polens Zeitungen sind voll von Berichten über regelrechte Kleinkriege, die in diesen geschlossenen Gesellschaften um falsch geparkte Autos oder abgeänderte Zugangscodes geführt werden. „Der soziale Aufstieg steigt den Leuten zu Kopf“, so Lewicka.
 

Aktionen mit Wolfsgeheul und Ketten

Die sozial verkrüppelten Aufsteiger des „Neuen Polens“, die sich erfolgreich in der ‚wölfischen’ Konkurrenz des freien Markts durchgebissen haben, werden dennoch gelegentlich an die Genese ihres „sozialen Aufstiegs“ erinnert. Wenn die Dämmerung über ihre Ghettos hereinbricht, können Polens Neureiche in Vollmondnächten manchmal das Wolfsgeheul der Raubtiere in der wilden Welt jenseits ihrer Mauern und Umzäunungen vernehmen. Der Schweizer Künstler San Keller initiierte eine solche Aktion im September 2008, bei der Teilnehmer vor den „Gated Communities“ in wildes Wolfsgeheul ausbrachen, um auf den fortschreitenden Verlust öffentlichen Raums in Warschau aufmerksam zu machen. Der sporadische Widerstand gegen die Privatisierung ganzer Stadtteile bleibt nicht nur auf symbolische Aktionen beschränkt: Schon mehrere Male haben Aktivist/innen die Eingänge zu den „Gated Communities“ mit eigenen Ketten und Schlössern abgeriegelt und so deren Bewohner/innen eingesperrt. Neben abgeriegelten Toren fanden diese nach einer Aktion im September 2006 Warnhinweise an den Ausgängen: „Vorsicht:  Nicht-Privates Gebiet (öffentlich, nicht überwacht). Betreten verboten. Es drohen Begegnungen mit armen, kranken oder schmutzigen Menschen.“
 

MieterEcho Nr. 343 / November 2010


Schlüsselbegriffe: Tomasz Konicz, Gated Communities, Polen, Überwachung, Wachschutz, Warschau, Segregation, Ghettoisierung, öffentlicher Raum, Reichtum, PrivatbesitzTransformation, Oberschicht, Marina Mokotów, Maria Lewicka

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