Interessengemeinschaft und Beratung für Berliner Mieter

Falsches Wohnverhalten?

Interview mit einer Mieterin der Gagfah

 
MieterEcho (ME): Sie wohnen in einem Haus, das der Gagfah gehört und in dem sich die Mieter/innen seit Jahren treffen und über Missstände austauschen. Wie hat das begonnen?

Einige Mieter/innen gingen zur Mieterberatung, weil die Gagfah auf Anfragen nur unzureichend reagierte. Dort waren viele Mieter/innen aus anderen Häusern mit den gleichen Anliegen, hauptsächlich Mängel und fehlende oder mangelhafte Dienstleistungen, die aber berechnet wurden. Im Wesentlichen litten die Mieter/innen unter undichten, schlecht oder gar nicht schließenden Fenstern, Feuchtigkeit und Schimmelbildung, herunterfallendem Putz von den Balkondecken, verstopften Abwasserleitungen, verschmutztem Wasser und unzureichender Elektroinstallation.

 
ME: Welche Erfahrungen haben die Mieter/innen bei den Mängelanzeigen gemacht?

Die Mängel wurden zunächst dem Hausmeister gemeldet, der sich alles ansah und gravierende Mängel an die Gagfah weiter-leitete. Wenn die Mängel nicht behoben wurden, schrieben die Mieter/innen auch selbst die Verwaltung an. Von den Mängelaufnahmen waren die Mieter/innen meistens enttäuscht. Bei verstopften Abflüssen war es ohne Prüfung der Ursachen Haar oder Fett, das die Rohre verstopfte, und Schimmel- oder Algenbildung an den Decken lag natürlich immer am mangelhaften Lüftungs- und Heizungsverhalten. Ein Mieter sollte sich mit dem Mieter der darüber liegenden Wohnung in Verbindung setzen, weil dessen Wasserleitung, die nicht zugänglich war, leckte. Wenn Fenster nicht zu öffnen waren, lag es an der mangelhaften Pflege und dem Anstrich. Die Mieter/innen fühlten sich beschämt und wussten häufig nicht, was sie anders machen sollten. Schließlich trafen wir uns zum Thema „Wie wohnt man richtig?“ im Hof und organisierten Mieterversammlungen. Die Mieter/innen waren erleichtert, dass sie nicht alleine ein „wohnungsinkompatibles Wohnverhalten“ hatten. Wir haben die Mängel, die der Gagfah bereits bekannt waren, erneut aufgelistet und jeder Mieter hat diese der Gagfah einzeln und per Einschreiben geschickt.

 
ME: Wie hat die Gagfah auf die Mängelanzeigen reagiert?

Zunächst gar nicht. Dann haben wir das Bau- und Wohnungsaufsichtsamt angeschrieben, das seinerseits die Gagfah kontaktierte. In den Wohnungen und im Keller haben zwar Gutachter die Mängel aufgenommen, aber die Mängelbeseitigung verlief zögerlich. Die Ämter fragten mehrfach nach und kontrollierten, zum Schluss gaben sie aber auf, weil sich alles erheblich hinzog. Dadurch sind einige Mängel nicht oder nicht zufriedenstellend behoben worden. Woran das liegt, wissen wir nicht. Unser Hausmeister hat sich zwar immer bemüht, aber größere Reparaturen, die er nicht selbst machen kann, müssen immer beantragt werden, was sich sehr lange hinzieht. Eine Mietpartei konnte die Fenster in einem Raum nicht mehr öffnen und hat 4 Monate auf einen Tischler gewartet. Bei anderen Mieter/innen zerbröselte das Holz der Fensterrahmen im Kinderzimmer, und weil es Winter war, konnte der Raum nicht genutzt werden. Obwohl sogar der Gagfah-Gutachter einer Reparatur zugestimmt hatte, mussten die Mieter/innen fast 9 Wochen auf eine Teilerneuerung der Rahmen warten.

Die Organisation bei Reparaturen ist oft sehr unkoordiniert. Nur ein Beispiel: Die Balkondecke im 4. Stock sollte teilverputzt und gestrichen werden. Zunächst kam ein Maler, der die Putzarbeiten nicht durchführen konnte. Dann stellte sich heraus, dass die Putzarbeiten nicht ohne Gerüst durchgeführt werden konnten. Der 93-jährigen Mieterin war das durchaus klar, aber gewundert hat sie sich, dass es keine Planung für die Maßnahmen gab.

Die Wasserleitungen sind bei uns sehr verkalkt. Bei einigen Erdgeschosswohnungen waren sogar manchmal Schwebstoffe im Wasser. Die Mieter/innen mussten mehrfach auf diesen Mangel hinweisen, bis die Boiler und die Wasserleitungen letztendlich gereinigt wurden.

Die Kapazitäten der elektrischen Leitungen sind für einen modernen Haushalt sehr dürftig. Das zeigt sich insbesondere bei unseren Boilern, die kein Warmwasser mit konstanter Temperatur liefern können. Durch das ständige Nachregeln verbrauchen wir viel Wasser. Auch die Sicherheit der Leitungen darf in Frage gestellt werden. Die Elektriker, die von der Gagfah beauftragt wurden, bezeichneten die Elektroleitungen als unzureichend und teilweise gefährlich.

Grundsätzlich besteht bei den Mieter/innen der Eindruck, sie werden mit ihren Anliegen nicht ernst genommen. Permanentes Nichtreagieren und Verzögern führt dazu, dass wir den Eindruck haben, die Gagfah will die Häuser nicht erhalten.

 
ME: Gab es auch Probleme mit den Betriebskostenabrechnungen?

Ja, teilweise waren die Abrechnungen vor allem im Dienstleistungsbereich der Gagfah-Tochterfirma unangemessen hoch. Wir haben Vergleiche mit ähnlichen Häusern herangezogen und sogar Kostenvoranschläge zum Vergleich eingeholt. Leider können diese wohl nicht berücksichtigt werden, weil eine Bindung zwischen der Gagfah und der Tochterfirma HBV besteht.

 
ME: Wann haben sich die Mieter/innen an die Gagfah gewendet und um Einsichtnahme gebeten?

Das begann eigentlich schon vor 5 Jahren, als wir uns aufgrund der teilweise unerklärlich hohen Einzelposten an die Gagfah wandten, um die Belege für die Betriebskostenabrechnung einzusehen. Die Betriebskostenabrechnung stimmte zwar rechnerisch, aber sie war nicht plausibel, weil die einzelnen Positionen weder mit den Leistungsbeschreibungen übereinstimmten noch in irgendeiner nachweisbaren Form durchgeführt wurden. Teilweise waren auch Rechnungen darunter, die nicht auf die Mieter/innen umlegbar waren. Wir monierten dies und baten in den darauf folgenden Jahren regelmäßig schriftlich und telefonisch um ein Gespräch mit einem Verantwortlichen. Leider ergebnislos. Wir kündigten daraufhin an, die Betriebskosten zu kürzen, wenn keine Erläuterungen zu den Abrechnungen folgen. Auch dieser Ansatz versandete zunächst. Erst als wir erneut eine Betriebskostenkürzung ankündigten und auch durchführten, wurde reagiert. Wir bekamen sofort Zahlungserinnerungen und Mahnungen.

Eigentlich wollten wir mit diesen Kürzungen nur Druck aufbauen, damit endlich auf unsere Anfragen reagiert würde. Es passierte aber nichts, obwohl wir weiterhin sogar per Einschreiben darum baten. Wir erhielten nach ungefähr einem Jahr eine schriftliche Einladung ohne Terminangabe zu einem Gespräch und eine Entschuldigung für die Verzögerung. Leider folgt darauf nichts, und wieder ein Jahr später kam ein weiteres Schreiben mit einer erneuten Entschuldigung für die Verzögerung und mit einer Option, die Situation zu klären. Dann war wieder Sendepause, bis ein Schreiben kam, die Gagfah fühle sich von unserem Anliegen überfordert.

Wir hatten uns sogar Möglichkeiten überlegt, wie man so ein Gespräch strukturieren und den Mitarbeitern der Gagfah die Raumfrage abnehmen kann. Darauf wurde leider nicht eingegangen.

Wir wissen letztendlich nicht, woran das liegt, weil wir im persönlichen Gespräch mit den für uns zuständigen Sachbearbeitern nicht den Eindruck hatten, dass diese überfordert seien oder uns abwehren. Im Gegenteil waren sie sogar aufgeschlossen und verständnisvoll. Aber leider scheinen deren Handlungsspielräume sehr eingegrenzt zu sein.

 
ME: Was ist in der letzten Zeit passiert?

Der Geschäftsführer William Joseph Brennan persönlich hat einigen Mieter/innen geschrieben, dass die Betriebskosten korrekt seien und eine Zahlungsverpflichtung bestehe. Formal ist das richtig, aber wenn Leistungen so offensichtlich nicht umlagefähig sind oder überhaupt nicht durchgeführt wurden, dann fragen sich alle Mieter/innen: „Wieso bin ich verpflichtet, dafür zu zahlen?“

Kurz darauf wurde zwei Mietern fristlos gekündigt und verlangt, dass sie innerhalb von zehn Tagen ausziehen. Den Kündigungen wurde widersprochen, insbesondere weil die aufgelisteten Außenstände nicht richtig waren.

Einer Mieterin, in deren Wohnung es Anfang des Winters gebrannt hatte, wurden sowohl die volle Miete für die Zeit der Sanierungsmaßnahmen von 2,5 Monaten berechnet als auch die Strom- und Heizkosten. Der Mieterin wurde keine Ersatzwohnung angeboten. Die Wohnung wurde unter anderem mit voll aufgedrehten Heizkörpern trocken gelegt. Alle Bauarbeiten liefen mit ihrem Strom.

 
ME: Wie würden Sie Ihre Erfahrungen zusammenfassen?

Es gibt einen eingängigen Werbeslogan einer bekannten Firma: „Wohnst du noch oder lebst du schon?“ Wir dagegen fragen uns: „Wohnst du noch oder vegetierst du schon?“

Wir haben den Eindruck, dass wir mit unseren Anliegen der Gagfah nicht sehr willkommen sind. Damit meine ich nicht, dass die Sachbearbeiter unfreundlich sind, aber wem nützen freundliche Sachbearbeiter, wenn diese hilflos sind und keine sachbezogenen Handlungen folgen?

Das folgende Beispiel ist zwar extrem, aber leider auch bezeichnend: Im letzten Winter kamen wir Mieter/innen zwischen dem 20. Dezember und dem 19. Februar nicht sicher oder gar nicht aus unseren Häusern heraus. Das Überfrieren der weitläufigen Zugänge zu den Häusern und Glas aus einer zerborstenen Fensterscheibe im Treppenhaus, das aufrecht im Eis festgefroren war, machte die Situation auch für ambulante Pflegedienste und Ärzte bei Hausbesuchen extrem gefährlich. Wir haben diesen Zustand dem Hausmeister mehrfach gemeldet, der hat dies weitergegeben, die Servicestelle wurde kontaktiert, und die Gagfah wurde täglich angerufen. Alle waren bemüht und wollten das Problem sofort an die Verantwortlichen weitergeben. Wir haben eine Reihe von mitfühlenden Sachbearbeitern erlebt, die aber die für uns gefährliche Situation nicht ändern konnten. Schließlich haben wir gedroht, selbst Firmen zu beauftragen, und dann wurde endlich reagiert. Während dieser Zeit haben wir uns öfter gefragt: „Lebst Du noch?“


ME: Vielen Dank für das Gespräch.
 

Das Interview führte Joachim Oellerich.


Schlüsselbegriffe: Gagfah, Mieter, Missstände, Mieterberatung, Mängel, mangelhafter Service, undichte Fenster, Feuchtigkeit, Schimmel, herunterfallender Putz, Mängelanzeige, Hausverwaltung, Mieterversammlung, Bauamt, Wohnungsaufsichtsamt, Gutachter

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