Berliner MieterGemeinschaft e.V.

Interessengemeinschaft und Beratung für Berliner Mieter

Der „gute König“?

Seit Jahren sammelt der „Karstadt-Retter“ Nicolas Berggruen in Berlin denkmalgeschützte Immobilien

Christoph Villinger
 

Was haben das Café Moskau in der Karl-Marx-Allee, die Sarotti-Höfe am Mehringdamm, die Schuckert-Höfe am Treptower Park und die Lichtfabrik an der Kottbusser Brücke in Kreuzberg gemeinsam? Sie alle wurden in den letzten Jahren von der Nicolas Berggruen Holdings GmbH gekauft und meist aufwendig und denkmalschutzgerecht saniert. Das vor allem in Berlin und Potsdam agierende Unternehmen gehört Nicolas Berggruen, Sohn des bekannten Kunstsammlers Heinz Berggruen, der 1936 aus Deutschland emigrierte und 1945 als Soldat der US Army zurückkehrte. Nicht erst seit der „Karstadt-Rettung“ gibt sich sein 48-jähriger Sohn Nicolas Berggruen als Angehöriger einer neuen Generation von „sozial und ökologisch verantwortungsbewussten Investoren“.

 

Mitten in Kreuzberg, direkt an der Kottbusser Brücke, residiert seit Kurzem die Nicolas Berggruen Holdings GmbH. „Für mich ist Berlin eine der faszinierendsten Städte der Welt, weil sie die Freiheit und die Herausforderung der Gegenwart verkörpert“, sagt Nicolas Berggruen. Von dort führt er sein von fremden Geldgebern unabhängiges Investmentunternehmen für Immobilien. „Wir kaufen, sanieren, modernisieren und vermieten Wohn-, Büro- und Gewerbeimmobilien in Berlin und Potsdam“, heißt es auf der Webseite. „Unser Ziel ist der Aufbau eines vielfältigen Immobilienportfolios, mit charaktervollen Bauten, als langfristige Vermögensanlage. Immobilien sind für uns dabei mehr als nur ein Investment. Ästhetik, Architektur und Kunst interessieren uns ebenso wie der ‚Cash-flow‘.“
 

Aushängeschild „Künstlerhaus Bethanien“

Berggruen ist eben nicht der am traditionsreichen Ku’damm oder am Hackeschen Markt agierende Kapitalist, sondern begibt sich in die sozialen Brennpunkte. Doch dort teilt er nicht sein Brot mit den Armen, sondern holte sich mit Christoph Tannert und seinem eher an der hohen Kunst orientierten „Künstlerhaus Bethanien“ gleich ein kulturelles Aushängeschild an seinen Firmensitz. 

Die Eröffnung der neuen Ausstellungsräume und des Ateliers des Künstlerhauses für rund 25 Stipendiaten feierte Berggruen Anfang Juni gemeinsam mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit und Klaus Entenmann, dem Vorsitzenden von Daimler Financial Services. Gemeinsam betonen die Berggruen Holdings und das Künstlerhaus, dass die Neuausrichtung des Bethanien-Komplexes am Mariannenplatz auf ein „soziokulturelles Nachbarschaftszentrum“, wie sie das Bezirksamt und „Linksautonome“ betrieben hätten, die „international orientierte Arbeit des Künstlerhauses zunehmend erschwerte“. An der Kottbusser Straße 10 will nun das Künstlerhaus seiner „Arbeit der Exzellenzförderung im Bereich junger, zeitgenössischer Kunst neue Impulse verleihen und das Profil des Künstlerhauses Bethanien als international renommiertes Experimentallabor und Think Tank weiter schärfen“. Völlig unter den Tisch fällt dabei, dass der vom Bezirksamt betriebene „Kunstraum Kreuzberg“, der gerne im Bethanien am Mariannenplatz bleibt, ebenfalls international sehr erfolgreiche und anerkannte Kunstprojekte macht, nur eben inhaltlich „widerspenstiger“, wie sein Leiter Stéphane Bauer sagt.
 

Kapitalismus „von innen“ verändern

In den wenigen Interviews, die Nicolas Berggruen in der letzten Zeit gegeben hat, kokettierte er wiederholt damit, eigentlich immer auf der ganzen Welt mit seinem Privatflugzeug unterwegs zu sein und ausschließlich in Hotelzimmern zu wohnen und zu arbeiten. Dennoch enthält der Werdegang des 1961 in Paris geborenen Nicolas Berggruen einen gewissen Charme. In seinen Jugendjahren las er mit Begeisterung Sartre, Camus, Marx und anarchistische Literatur. Im Alter von 17 Jahren kündigte er an, kein Englisch – „die Sprache des Imperialismus“ – lernen zu wollen und flog von der Schule. Wenige Jahre später wollte er den Kapitalismus nicht mehr „von außen“ bekämpfen, sondern „von innen“ verändern. Im Laufe der 80er Jahre gründete er einen der ersten Hedge-Fonds in den USA, kaufte und verkaufte mit großen Gewinnen Firmen und erwirtschaftete im Lauf der Jahre ein nun auf über zwei Milliarden Euro geschätztes Vermögen. Spätestens nach dem Tod seines Vaters 2007 konzentrierte sich Berggruen auf Immobilien und sogenanntes „sozial orientiertes Investieren“. Er finanziert eine Reisfarm in Indonesien und kümmert sich um den Innenstadtausbau im verarmten Newark in New Jersey/USA. Berggruen gibt sich das Image des „guten Kapitalisten“, der mit seinen Investitionen Gutes tun und trotzdem Geld verdienen möchte.
 

Berggruen-Immobilien in Kreuzberg

Und so hat sich Nicolas Berggruen seit 2005 in Berlin für rund 225 Millionen Euro eine Immobiliensammlung zugelegt. Zurzeit besitzt seine Holding etwa 60 Gebäude in Berlin und Potsdam mit insgesamt rund 200.000 qm Fläche. Neben den Gebäuden mit „unikatem Charakter und Entwicklungspotenzial“ wie das Café Moskau und vielen Gewerbehöfen gehören dazu etliche Wohngebäude am Lausitzer Platz, am Schlesischen Tor und am Heckmannufer in Kreuzberg bis hin zur Oranienstraße 25, wo die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) residiert. Auch in vielen anderen Stadtvierteln besitzt er meist repräsentative Häuser, vorwiegend Gründerzeit-Altbauten, aber auch eine sanierte Plattenbausiedlung aus den 60er Jahren in Treptow-Köpenick.

Durch eine „hohe Liquidität und die Tatsache, dass zunächst Eigenkapital eingesetzt wird, macht sich die Nicolas Berggruen Holdings GmbH frei von kurzfristigem Erfolgsdruck und ermöglicht die Umsetzung von ideellen Konzepten, die erst über einen längeren Zeitraum gesehen auch wirtschaftlichen Erfolg erzielen werden“, beschreibt sie selbst ihr strategisches Vorgehen. International eingebunden ist die Nicolas Berggruen Holdings GmbH in die seit 1984 existierenden Berggruen Holdings. Laut Eigenangaben „investiert sie weltweit mehrere Milliarden US-Dollar vorrangig in langfristige Unternehmensbeteiligungen und Immobilien und unterhält heute Niederlassungen in New York, London, Berlin, Tel Aviv, Istanbul und Mumbai“.

Mit dieser langfristigen Strategie vermeidet die Holding Konflikte mit der Mieterschaft, wie sie durch kurzfristige Gewinnabsichten ausgelöst werden. Der Gewinn wird weniger durch die Mieteinnahmen als durch die langfristige Aufwertung der Immobilien gemacht. So kann Nicolas Berggruen sich fast unwidersprochen das Image eines guten Königs zulegen, der z. B. im Gegensatz zu den konkurrierenden Investoren für die Angestellten bei Karstadt Arbeitsplatzgarantien abgibt und keine weiteren Lohnsenkungen verlangt. Doch die Verfügungsgewalt über das Eigentum bleibt in seiner Hand. Seinen Gewinn wird er in einigen Jahren einfahren, wenn es ihm gelungen ist, aus den etwas angestaubten Kaufhäusern wie Karstadt am Herrmannplatz neue „Tempel des Konsums“ für das postmoderne Bürgertum zu machen.

Und sollte es einmal unangenehm werden, kann Berggruen schnell mit seinem Flugzeug weiter fliegen. So kaufte er im März 2010 für 900 Millionen Euro einen Mehrheitsanteil beim wirtschaftlich angeschlagenen spanischen Medienkonzern Prisa, der auch die führende Tageszeitung „El País“ herausgibt. Nur um die Relationen klar zu stellen: Diese Investition übersteigt sein finanzielles Engagement bei Karstadt um das Dreifache.
 

MieterEcho Nr. 342 / September 2010


Schlüsselbegriffe: Nicolas Berggruen Holdings GmbH, Karstatt, Immobilien, Denkmalschutz, Café Moskau, Sarotti-Höfe, Schuckert-Höfe, Lichtfabrik, Immobilienportfolio, Cash flow, Künstlerhaus Bethanien, Christoph Tannert, Klaus Wowereit, Kunstraum Kreuzberg, Stéphane Bauer, Hedge Fonds, Kreuzberg, Lausitzer Platz, Schlesisches Tor, Heckmannufer, NGBK, Eigenkapital, Christoph Villinger

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