Interessengemeinschaft und Beratung für Berliner Mieter

„Auf den Strich“

Gäbe es einen Preis für Wohnungsbaugesellschaften mit der schlechtesten Presse, die Gagfah würde ihn mühelos gewinnen

Joachim Oellerich
 

„‚Fortress schickt die Gagfah auf den Strich. Die muss Knete ranschaffen, egal wie’, sagt ein Gagfah-Insider. Und Sven Janssen, Immobilienanalyst bei Sal. Oppenheim, sagt sogar: ‚Die Frage ist, wann genau das Kartenhaus zusammenbricht.’ Willkommen im Heuschreckenland – betreten auf eigene Gefahr.“, schreibt die „Financial Times Deutschland“. In der Tageszeitung „Die Welt“ kritisierte bereits vor einem Jahr der Immobilienaktienanalyst Dieter Thomaschowski von Investment Research in Change : „Die Dividenden gehen zulasten der Instandhaltung.“

 

Nach dem jüngsten Geschäftsbericht hat die Gagfah die durchschnittlichen Bewirtschaftungskosten je Wohnung seit dem ersten Halbjahr 2008 von 424 Euro auf 401 Euro heruntergefahren. „Unser Ziel ist es, die Kosten weiter zu reduzieren“, kündigte Vorstandschef William Joseph Brennan Anfang August 2009 an. Die eher investorenfreundliche „Immobilien Zeitung“ schloss sich an: „Die Gagfah wird behandelt wie ein Steinbruch.“

Über die Arbeit in diesem Steinbruch weiß die „Financial Times Deutschland“ zu berichten: „‚Die Gagfah-Sachbearbeiter werden über ein raffiniertes Anreizsystem gesteuert’, sagt ein Insider. Sie verwalten im Schnitt 650 Wohnungen und werden nach Umsatz bezahlt. Ein auf Rendite und Gier getrimmtes System: Wird ein vorher festgelegter und ehrgeizig berechneter Mietumsatz eingehalten, erhalten die Mitarbeiter ein zusätzliches Monatsgehalt. Das hat Folgen: Machen etwa Bewohner wegen Bauarbeiten Mietminderungen geltend, bügeln viele Sachbearbeiter das ab, solange es geht. ‚Bringt ein Sachbearbeiter seinen Umsatz nicht, wird er abgemahnt. Manche wissen sich nicht anders zu helfen, als die Mieter anzulügen’, sagt ein weiterer Insider, der anonym bleiben will. Die Gagfah bestätigt mögliche Prämien, zum Rest nimmt das Unternehmen keine Stellung.“

Zu den Solostimmen aus der bürgerlichen Presse liefern die Mieter/innen der 190.000 Gagfah-Wohnungen den Chor: Mieterhöhungen, Betriebskosten, die in ihrer Höhe nicht nachzuvollziehen sind, unterlassene Instandhaltung vom zugigen Fenster bis zur Vernachlässigung maroder Fassaden, die eine Lebensgefahr darstellen, tauchen in den Klagen auf – und immer wieder Schimmel.

Der möglicherweise entstehende Eindruck, zu dem die Darstellungen in der bürgerlichen Presse verleiten können, man habe es mit der Tätigkeit von Heuschrecken im Allgemeinen oder einer besonders gefräßigen Spezies zu tun, bedarf einer fundamentalen Korrektur. „Heuschrecken“ ist ein problematischer politischer Kampfbegriff ohne jeden analytischen Wert. Bei der von Fortress verwerteten Gagfah handelt es sich – so schockierend diese Tatsache für manche der verkaufssüchtigen Kommunalpolitiker/innen sein mag – um nichts anderes als ein ehemals gemeinnütziges Wohnungsbauunternehmen, das auf den Markt überführt wurde. Ein ganz alltägliches Phänomen im Kapitalismus, der vor ca. 90 Jahren den Aufbau sozialer Wohnungsbestände notwendig machte.


Schlüsselbegriffe: Fortress, Gagfah, schlechte Presse, Kommentare, Steinbruch, Joachim Oellerich

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