Editorial
Editorial MieterEcho
Liebe Leserinnen und Leser,
es ist eine Binsenweisheit, dass die 1990 vollzogene Wiedervereinigung Berlins eine der ganz großen Zäsuren für die deutsche Hauptstadt war. Seinerzeit wuchs per Dekret eben nicht zusammen, was zusammengehört, sondern es prallten zwei politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich, sozial und infrastrukturell seit der Gründung der beiden deutschen Staaten und der späteren Teilung durch eine Mauer sehr unterschiedlich verfasste Teile der alten deutschen Hauptstadt aufeinander. Die Verwerfungen, die dadurch entstanden, sind bis heute deutlich zu spüren. Das betrifft nicht nur, aber in besonderem Maße jene Stadtteile, die unmittelbar an der Systemgrenze zwischen der sozialistischen DDR und dem weitgehend in das kapitalistische System der Bundesrepublik integrierten Stadtstaat Westberlin gelegen waren.
Zu diesen Stadtteilen gehört das seit 1920 zum Bezirk Tiergarten gehörende Moabit, das nach dem Mauerbau eine lange Phase der Deindustrialisierung und des Verfalls erlebte. Schlagartig rutschte der Stadtteil von der Mitte der Stadt an die Peripherie Westberlins, quasi an die Mauer gequetscht. Natürlich gab es hier auch in dieser Zeit lebens- und liebenswerte Ecken in den Altstadtquartieren. Und die im stadtweiten Vergleich lange Zeit noch sehr günstigen Mieten machten Moabit für einige Menschen zur Alternative zu „angesagteren“ Bezirken, nicht nur, aber besonders für Gastarbeiter/innen und ihre Familien. Aber wer seinerzeit aus Westdeutschland nach Westberlin zog, um der piefigen Enge der Provinz zu entkommen, und in das irgendwie flirrende, pulsierende Leben in diesem künstlich am Leben gehaltenen, ummauerten Unikum einzutauchen, der wollte eher nach Kreuzberg – und in Moabit nicht mal tot überm Zaun hängen.
Doch jetzt ist alles anders. Nach der Wiedervereinigung rückte das weitgehend ignorierte Mauerblümchen plötzlich in das Zentrum der Stadt, als Achse zwischen der West- und der Ostberliner Innenstadt. Besonders die spreenahen Bereiche, aber auch einige Altstadtkieze wurden allmählich extrem aufgewertet – schnell hatte die renditegetriebene Immobilienbranche die großen Potenziale dieses lange „unterbewerteten“ Stadtteils erkannt.
Diese Entwicklung ist noch lange nicht zu Ende – im Gegenteil. Die Verdrängungswelle rollt und rollt. Wo einst Schrottplätze oder teilweise verwaiste Bahnanlagen standen, sind neue, teure Stadtviertel aus dem Boden gestampft worden, wie die „Europacity“ oder das „Mittenmang“-Quartier rund um die Lehrter Straße, unweit des neuen Hauptbahnhofs. Und nicht nur die Wahlergebnisse machen deutlich, wie stark der alte Arbeiterstadtteil inzwischen vom „grünen Lifestyle“ dominiert wird. Doch es gibt auch ein „anderes Moabit“. Ein Moabit mit vielen nachbarschaftlichen Netzwerken, aktivem Widerstand und spannenden Kulturprojekten. Das alles war es uns wert, diesem lange fast vergessenen Stadtteil einen MieterEcho-Heftschwerpunkt zu widmen.
Ihr MieterEcho
MieterEcho 445 / November 2024


