MieterEcho 332/Februar 2009: Vom Wunsch nach einem Kontrapunkt

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MieterEcho 332/Februar 2009

Quadrat STADT

Vom Wunsch nach einem Kontrapunkt

Im Hamburger Schanzenviertel ist mit dem Centro Sociale ein selbstverwaltetes soziokulturelles Stadtteilzentrum entstanden

Tina Fritsche

Tina Fritsche (44) lebt seit 1986 in Hamburg und ist eine der Initiator/innen des Centro Sociale.

Schönere Wohnungen, bessere Heizungen, saubere Straßen, interessante Geschäfte – das klingt gut. Was aber, wenn der Bäcker an der Ecke zumacht, der Kiosk verschwindet, das Wohnen zu teuer wird und der Anwohnerkiez zum Vergnügungsviertel für Touristen mutiert?

Was Stadtentwickler als Aufwertung eines Quartiers anpreisen, verunsichert und nervt viele Menschen. Auch in Hamburg sind Häuser und Grundstücke, vor allem in Innenstadtnähe, von Investoren als Gewinn versprechende Anlageobjekte begehrt. Immer mehr öffentliche, gemeinschaftlich nutzbare Gebäude oder (Park-)Flächen in zentral gelegenen Stadtteilen werden privatisiert. Die Folge: Alteingesessene Bewohner/innen und Gewerbetreibende verlassen notgedrungen die Viertel, weil die Mieten steigen und das Leben zu anstrengend wird. In die als „in“ ausgerufenen Viertel ziehen diejenigen, die es sich leisten können. Für den Wandel der Viertel hat sich ein stadtsoziologischer Fachbegriff etabliert: Gentrifizierung beschreibt den sozialen und ökonomischen Umstrukturierungsprozess eines Stadtteils durch die „Aufwertung“ des Wohnumfelds, z. B. durch die Veränderung der Bevölkerung sowie durch Sanierungen und Umbautätigkeiten. Der Wandel ist in der Regel durch politische Entscheidungen beeinflusst: Wie fördert die Politik Baueigentum? Welche Gewerbe erhalten die Erlaubnis sich anzusiedeln? Sichert die Stadt oder ein Investor die Infrastruktur, die Verkehrsanbindung und das Bildungsangebot? Gibt es sozialen Wohnungsbau? Zielt das Angebot eines Quartiers auf eine bestimmte Zielgruppe ab oder ist es breit gefächert? Wer soll zu- und wer soll wegziehen? Wenn sich eine wohlhabendere Klientel als zuvor ansiedelt und sich höhere Lebensstandards durchsetzen, ändert sich auch der Charakter des Viertels. Mit der wachsenden Fluktuation gleichen sich Altersstruktur, kulturelle Herkunft und finanzielle Ausstattung der Bewohnerschaft immer mehr an.

Gegen die Kommerzialisierung der Quartiere

Im Hamburger Schanzenviertel formiert sich seit Frühjahr 2008 eine Initiative, die einen Kontrapunkt gegen die Kommerzialisierung der Quartiere setzen will. Bislang über hundert Menschen machen sich stark für ein nichtkommerzielles, soziokulturelles Zentrum mit einem breit gefächerten Angebot, mit Freiraum für Aktivitäten von und für Menschen aus den umliegenden Vierteln. Der besondere Charme des Centro Sociale genannten Stadtteilzentrums: Die Mitglieder der im Oktober gegründeten Genossenschaft, die als Trägerin des Centro Sociale dient, entscheiden selbst, was in ihrem Haus geschehen soll. Der selbstverwaltete Stadtteiltreff ist ein offener Ort und das Publikum gemischt. Hier treffen kulturell und sozial unterschiedliche Biografien aufeinander. Und bei allem Freiraum – Rassismus, Sexismus, Nationalismus oder Homophobie haben keinen Platz im Haus.

Keine neue Idee, aber neuer Antrieb

Sicher, die Sache ist nicht neu. Stadtteilzentren sind seit den 80er Jahren in vielen Städten entstanden. Überraschend ist jedoch, dass die Idee gerade jetzt so viele und so verschiedene Menschen mobilisiert. Statt sich der allgemeinen Konsumhaltung anzupassen, politisch zu resignieren oder schlicht den eigenen komplexen Lebensalltag zu bewältigen, engagieren sie sich für diesen Ort. Der Unmut gegen die Macht des Gelds spielt dabei eine große Rolle. Innerhalb weniger Monate ist ein Angebot gewachsen, das von Fahrradselbsthilfe, gemeinsamer Suppenküche, Montagsmalen für alle und Erwerbslosentreff bis zur Weihnachtsbäckerei reicht. Es gibt Tanz- und Sprachkurse, Flohmärkte, Bücherbasare, Theaterproben, Jamsessions, Arbeits- und Bautreffen, offene Wohnzimmer und jede Menge politischer Einzelveranstaltungen. Im Haus treffen sich feministische, antifaschistische und globalisierungskritische Gruppen, darunter Avanti, die Rote Hilfe, Mujeres sin fronteras und Attac. Im Juni 2009 steht eine zweitägige Veranstaltung zur Gentrifizierung an.

Ehrenamtliche Arbeit fürs Centro Sociale

Der Vorstand, der Aufsichtsrat und alle anderen arbeiten unbezahlt. Die Kosten des Stadtteiltreffs müssen über Spenden, die Vermietung von Räumen und Veranstaltungen erwirtschaftet werden. Das rund 500 qm große, denkmalgeschützte Backsteinhaus, in dem sich die Initiative für das Centro Sociale im Frühjahr 2008 eingenistet hat, gehört der Stadt Hamburg und wird von der ehemals städtischen, nun privat wirtschaftenden Stadterneuerungs- und Stadtentwicklungsgesellschaft Steg verwaltet. Seit Herbst sichert ein Untermietvertrag das Fortbestehen bis Ende 2009. Doch was kommt dann? Soviel ist sicher: Jede Menge Menschen werden sich weiterhin für den Erhalt des Centro Sociale einsetzen müssen.

Weitere Infos: www.centrosociale.de

Der Name Centro Sociale erinnert an die solidarisch arbeitenden und immer wieder politisch umkämpften Sozialzentren, die seit den 70er Jahren in Italien entstanden sind.

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