MieterEcho 324/Oktober 2007: "Die Restrukturierung des Raumes"

MieterEcho

MieterEcho 324/Oktober 2007

Quadrat REZENSION

"Die Restrukturierung des Raumes"

Stadterneuerung der 90er Jahre in Ostberlin: Interessen und Machtverhältnisse

Karin Baumert

Mit dieser Arbeit liegt nun eine Analyse vor, die es ermöglicht, die Stadterneuerung im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen zu sehen. Kurzgefasst: Andrej Holm beschreibt in seinem Buch, warum Arm schlecht wohnt und Reich gut.

"Als Gentrifizierung wird ein Prozess beschrieben, durch den Haushalte mit höheren Einkommen Bewohner/innen mit geringen Einkommen aus der Nachbarschaft verdrängen und sich die wesentlichen Merkmale und Stimmungen der Nachbarschaft verändern." Ausführlich geht Holm auf die Entstehung von Sanierungsgebieten ein, auf das Wachstum und den Verfall als zwei Seiten einer Stadtentwicklung, bei der die Wohnung als Ware gehandelt wird und Überproduktionen für Auf- und Abwertung sorgen. Der Autor gibt einen Überblick über die verschiedenen Theorien und bringt verschiedene Aspekte wie z.B. Lebensstil und soziale Lage mit der Stadterneuerung zusammen. Und auch wer schon immer den Übergang vom Fordismus zum Postfordismus verstehen wollte, kann es hier nachlesen. Der Autor beschreibt die Stadterneuerung als Teil kapitalistischer Stadtentwicklung unter einem postfordistischen Gesellschaftsbild. Die 90er Jahre in Berlin werden uns noch einmal in Erinnerung gerufen. Damals wurde um Standortkonkurrenzen und leistungsfähige Eliten gerungen und mit "Governance" - einem neoliberalen Begriff, der vorgaukelt, alles wäre nur eine Frage der Moderation - private Investitionen durchgesetzt.

Holm versucht den Widerspruch zwischen den baulichen und sozialen Zielen der Erneuerung zu beschreiben. Mit großer Detailkenntnis erfährt man viel über die Mietobergrenzen und den 144 des Baugesetzbuchs, der die Baugenehmigungen in Sanierungsgebieten regelt. Spätestens hier würde sich jedes Standardwerk in Verwaltungshandeln verknoten. Nicht aber bei diesem Autor, der weiß, was er sucht. Holm macht die Stadterneuerung an den Akteuren fest. Dabei wird die Stadterneuerung einem scheinbar naturgesetzlichen Charakter entrissen und das Sanierungsregime identifiziert, ganz zuforderst S.T.E.R.N. der große Sanierungsträger der behutsamen Stadterneuerung - in den 80er Jahren in Kreuzberg, in den 90er Jahren in Prenzlauer Berg. Das Sanierungsregime setzt eine Stadterneuerung durch, die den Investor mit seinem privaten Kapital hätschelt und pflegt. Diesen Vorgang untersucht der Autor fast minutiös und stößt darum auf die entscheidenden Stellen. So z.B. wenn er vorrechnet, dass eine ungenehmigte Sanierungsmaßnahme pro Jahr und Wohnung 4000 Euro mehr einbringt als eine genehmigte Baumaßnahme, das Bußgeld für das ganze Haus aber lediglich 10.000 Euro beträgt. "Obwohl die Sanierungspolitik darauf ausgerichtet war, die soziale Zusammensetzung der Bevölkerung in den Sanierungsgebieten zu erhalten, ist Prenzlauer Berg ein Gentrifizierungsgebiet."

Holm trennt die Diskurse zu den baulichen und den sozialen Zielen und zeigt so, wie unter dem Deckmantel der "Behutsamkeit" jede Kritik zur persönlichen Kränkung der Verfahrensbeteiligten wird. Er entlarvt die Entwicklung der Partizipation unter diesen Bedingungen: Von der "Bürgerbeteiligung" zur "mitwirkenden Betroffenheit". Mieterberatung wird zu einem Aushandlungsprozess, bei dem der Eigentümer als "stille Vetomacht" immer mit am Tisch sitzt. "Diese Aushandlungsprozesse stellen sich für die Mieter als eine Mischung von vormundschaftlicher Betreuung und individuellem Risiko dar." Holm belegt mit vielen Fakten und Zahlen, wie die Gentrifizierung in Prenzlauer Berg als eine überwiegend konfliktfreie Durchsetzung der Marktwirtschaft durch das Sanierungsregime gestaltet wurde: "Eine tatsächliche Mitbestimmung im Sinne eines Vetorechtes bei sanierungs- und baurechtlichen Entscheidungen ist nicht gegeben. Mitwirkung bedeutet eine grundsätzlich feststehende Planung zu goutieren und durch die Beteiligung zu legitimieren."

Nach der Lektüre wissen die Leser/innen, wie man vom Risikokapital zum Akteur wird und wie die eigene Position ist. Am Beispiel der Stadterneuerung im Prenzlauer Berg in den 90er Jahren, wo der Autor nicht nur gelebt und geforscht hat, sondern selbst als Aktivist gegen die Verdrängung der Bewohner/innen kämpfte, gelingt Andrej Holm ein wesentliches theoretisches Werk der kritischen Stadtsoziologie. Holm hat mit seiner wissenschaftlichen Arbeit, die ihm den Titel eines Doktors einbrachte, die Politik in die Stadtsoziologie zurückgeholt.

Andrej Holm: "Die Restrukturierung des Raumes, Stadterneuerung der 90er Jahre in Ostberlin: Interessen und Machtverhältnisse", Transcript-Verlag, 2006, 356 Seiten, kartoniert, 29,80 Euro, ISBN: 978-3-89942-521-5

Andrej Holm, geb. 1970 in Leipzig, studierte Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität und arbeitet am dortigen Institut der Stadt- und Regionalsoziologie als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Bei dem hier vorgestellten Buch handelt es sich um seine Promotionsarbeit zum Dr. Phil. Bereits seit den 90er Jahren ist er für das MieterEcho als Redakteur und Autor tätig. Gegen ihn wurde am 1. August Haftbefehl aufgrund von 129a StGB erlassen. Zu dem Vorgang lesen Sie bitte Seite 3. Am 22. August wurde zunächst Haftverschonung gewährt, der Ausgang des Verfahrens stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest. Weitere Informationen unter http://einstellung.so36.net

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