MieterEcho
Nr. 278 - März/ April 2000

Über Stadtmodernisierung, Wohnungsmarkt und Judenverfolgung in Berlin 1937 bis 1943

 

Susanne Willems veröffentlicht ihre Dissertation über den Wohnungsmarkt in der Reichshauptstadt zur Nazizeit Rezension von Simone Hein

Zentrales Thema der fundamentalen Arbeit von Susanne Willems ist die Frage, WARUM die Berliner Juden deportiert wurden und nach welchem geheimnisvollen Algorithmus dies geschah. dass es dabei um ihre Wohnungen ging, war selbst den Betroffenen bewusst. Ein Berliner Ehepaar konnte sich bei Beginn der Deportationen Mitte Oktober 1941 Hoffnungen auf das Überleben ihrer als Jüdin verfolgten Tochter vor allem aus dem einen Grunde machen, nämlich, "dass sie keine Wohnung hat". Willems geht nun über die bisher bekannten Fakten der "Judenfreimachung" ganzer Berliner Kieze hinaus und ist den wohnungspolitischen Zusammenhängen und vor allem dem sozialtechnisch-juristischen Räderwerk auf die Spur. Was sie dabei aufdeckt, ist einerseits ein klassischer Verblendungszusammenhang, nämlich eine gewaltige Illusionsmaschine, mit der das finale Scheitern des Wohnungsbaus der Nazis immerhin einige Jahre lang mit Erfolg kaschiert werden konnte. Wo keine Zuwächse sind, wird halt in großem Maßstab umverteilt. Gerade diese, gegen den gewerkschaftlichen und genossenschaftlichen Wohnungsbau der Weimarer Republik gerichtete Lügenmaschine kostete Berliner Juden ihr Leben. Da die Nazis spätestens ab 1938 außerstande waren, ausreichend billigen Wohnraum als Zugang für den ersten Wohnungsmarkt neu zu schaffen (zu bauen), ließ der Generalbauinspekteur Albert Speer Altbauwohnungen requirieren, um die wachsende Nachfrage in einem kontrollierten zweiten Wohnungsmarkt zu bedienen. Wer damals eine Wohnungszuweisung beantragte, sorgte mit dafür, dass sie einem der konstruierten "Rassejuden" genommen werden würde. Der fand dann allenfalls als Untermieter bei Juden oder in Heimen der Jüdischen Gemeinde Zuflucht, bis die Massendeportationen der Berliner Juden die auf diesem dritten Wohnungsmarkt erzwungene Verelendung als Politik einer innerstädtischen "Endlösung" unsichtbar machten. Die brisanteste Entdeckung, die Willems in den ,Archiven des Todes' (Akten des Oberfinanzpräsidenten zur Vermögensverwertung). machen konnte, liegt in der Aufdeckung des Zusammenhangs zwischen der zentral gesteuerten Entstehung dreier verschiedener Wohnungsmärkte und deren externer Regulierung hier und Deportation da. Banalerweise entscheidet ein kleiner Eintrag und ein Amtsstempel über die letzten Rechte von Menschen: Zu sein oder nicht zu sein. Traurig und böse zugleich kommentiert die Verfasserin in ihrem Nachwort diese Erkenntnis so: "Ein Brandanschlag, ähnlich dem der Widerstandsgruppe von Herbert Baum, in der Registratur der Wohnungsabteilung des Hauptamtes für Verwaltung des Generalbauinspekteurs in der Berliner Straße 9, dem Haus des Deutschen Gemeindetages, hätte das verläßliche Berliner Instrumentarium der Verfolgung zerstören können."

Susanne Willems Forschungsarbeit allerdings allein unter Holocaust- und NS- Aspekten sehen wollte, würde damit die Aufklärung des Vorganges als rein historische Erkenntnis unterschätzen. Was hier aber mit den Zuweisungspraktiken und der gezielten Verteilung von Belegungsrechten auf der Hand liegt, ist letztlich ein steuerungspolitisches Instrumentarium, das sich jederzeit und jedenorts im Zuge rassistischer, revanchistischer oder schlicht substanzialistischer Stadtentwicklungspolitiken reaktivieren lässt. Wer die "Zitadelle" störfrei halten und einem massenhaften Ansturm von den Rändern her abwehren will (der für Berlin etwa nach dem EU-Beitritt der mittel-ost-europäischen Märkte eintreten könnte), wird sich - soweit ihm kein Ausgleich über den Neubau von Wohnungen für ein Existenzminimum gelingt - idealerweise jener eindeutig ausgrenzenden Regularien besinnen oder ähnliche neu erfinden. Wohnungsschein und Arbeitserlaubnis werden über Abschiebung oder Duldung entscheiden. Und je härter die Verteilungskämpfe, desto krasser die Stigmatisierung der Konkurrenten mittels Feindbildern. Diese Stereotypen sind alle schon da: Von den polnischen und britischen Lohndrückern über die "südosteuropäisch aussehenden" Trickbetrüger bis hin zur "Russenmafia" existieren Varianten auf die "jüdisch-bolschewistische Unterwanderung" oder die Parole vom "raffenden Kapital". Schon meinte die Junge Union Wahlkampf damit machen zu können, dass sie fordert, in Kreuzberg, jener türkischen Diaspora, möge endlich Deutschland wieder sichtbar werden. Zumindest im Hinblick auf die Schulen ist bereits ernsthaft von Quotierung, jenem diabolos technikus, die Rede. Da steht der Stempel, dieses potentielle und effektive bürokratische Mordinstrument, unversehens schon ante portas.

Das Buch "Über Stadtmodernisierung, Wohnungsmarkt und Judenverfolgung in Berlin 1937 bis 1943" (Phil.Diss. Ruhr-Universität Bochum 1999), Autorin Susanne Willems, erschien in der Schriftenreihe der Gedenk- und Bildungstätte "Haus der Wannsee-Konferenz" edition hentrich, Berlin 2000 ISBN: 3-89468-259

Kleine Ergänzung: Das "Haus der Wannsee-Konferenz" plant entsprechende Bildungsveranstaltungen zu dem Thema im Jahr 2000 durchzuführen.

 

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