MieterEcho
Nr. 274 - Juni/Juli 1999

Bezirkskorrespondenz - Mitte

 

Wer hat unser schönes Monbijoubad auf dem Gewissen?
Wenn es bei diesen sommerlichen Temperaturen in unserer Gegend (die Touristen nennen sie Spandauer Vorstadt) einen Ort gab, an dem man sich aus der steinernen, stinkenden, schwülen Atmosphäre von Stadt zurückziehen konnte, dann war es die Flucht in das Monbijoubad. Wir Mütter mit Kindern (sorry den Vätern, die ich im weiteren unerwähnt lasse, eure kleine Minderheit lieb ich natürlich besonders), die nicht auf die Abkühlung am Abend warten konnten, sondern in der sengenden Hitze der städtischen Serengitis unseren Kindern zuliebe nach Alternativen suchten, wie haben wir es genossen, daß unsere Väter in diesem Park ein Kinderbad bauten. Es war nicht alles schlecht an diesen Vätern. Auch wenn sie die Worte “demokratischer Sozialismus” nicht buchstabieren konnten, gab es doch einige “Errungenschaften” die Sinn machten. Wenn man also nicht sowieso, wie ein ehemaliger Bausenatsdirektor seinerzeit meinte, ständig in Mallorca weilt oder kurzerhand mit seinem Auto aus der Stadt flüchten kann und auch keine Badegefäße auf der Terasse seiner Dachgeschoßwohnung mit kühlem Wasser füllt, sondern die Bälger einen am Rockzipfel hängen, ein viel zu langer Tag in der Nachmittagshitze erstarrt, der Gang in die Kaufhalle bevorsteht, fragt man sich wütend: “Wohin jetzt bei dieser Hitze, wo sind die Saukerle, die das Mombibad gestrichen haben in ihrer Planung, weil es angeblich nicht rentabel ist.” Denn Männer müssen es gewesen sein, die diese Entscheidung getroffen haben. Jede Frau, die einmal in der Situation war, an einem hochsommerlichen Nachmittag auf die Stadt an diesem Ort zurückgeworfen worden zu sein und sich um das Wohl ihrer kleinen Kindern kümmern wollte und auch jede Frau die sich nur in diese Situation hineingedacht hätte, wäre zu einer anderen Auffassung von Rentabilität gekommen.

Was ist rentabel in dieser Stadt, Büros bauen, Eigenheime am Stadtrand, Einkaufsmeilen um Berlin herum und in historische Strukturen hinein, wie in der Schönhauser Allee, um den Kleinhändlern den Rest zu geben. Was ist rentabel am Potsdamer Platz, der Glöckner von Notre Dame oder das Hyat-Hotel, die Spielbank oder die Love-Parade? Für uns hier wäre es rentabel mit den Ressourcen dieser Stadt sorgsamer umzugehen, vorhandenes, das Sinn macht und benutzt wird, zu bewahren. Wichtiger als der Gang zum Potsdamer Platz ist für Bewohner mit Kindern der öffentliche Raum, die Möglichkeiten in ihrem Stadtgebiet zu wohnen, zu leben, zu genießen.

Normale Bewohner Menschen 2. Klasse
Aber hier teilt sich diese Stadt in Touristen, Besserverdienende und uns ganz normale Bewohner. Wo also gehen wir hin, wenn das Auto kaputt, die Kinder schreien, die Hitze groß? Sollen wir die Kids vertrösten, daß sie bald groß sind, ab 12 Jahre im Kinderbad nicht mehr baden, nur noch duschen können, aber dafür an der Love-Parade den uns-alle-verbindenden-Lebenssinn zelebrieren dürfen? Hier sind unsere Landespolitiker stark gewesen, gegen den Willen des Baustadtrates von Tiergarten, Herrn Porath, der seit Jahren darum kämpft, den öffentlichen Raum des Tiergartens für Freizeit zu bewahren und nicht durch eine einzige Veranstaltung nachhaltig verschmutzen zu lassen. Oder würden sie ihren Garten anläßlich einer Großveranstaltung ihrer Kinder so zerstören lassen, wie das jedes Jahr im Tiergarten passiert?

Hier zeigen unsere Landespolitiker Größe, sogar politische Veranstaltung - denn so kann die Love-Parade verkauft werden, nur damit die Betreiber den Gewinn cash auf die Hand bekommen. Für die Folgen werden sie über das Entrichten von Straßensondernutzungsgebühren nicht mehr zur Kasse gebeten. Hätte man nicht wenigstens im Aushandeln um die Love-Parade, die fehlende Finanzierung für unser Kinderbad herausschlagen können? Aber nein, der Finanztopf von Berlin ist eh hoch verschuldet, darum giert man nach Ereignissen, die uns scheinbar wie das Weihnachtsfest im familieren Rahmen zusammenführen. Herr Landowsky feiert mit Mike, Sascha und David. Laßt uns die Probleme vergessen und glücklich sein. Aber so stark kann doch kein Joint sein, die Probleme dieser Stadt vergessen zu machen.

Wofür ist denn diese Landesregierung überhaupt noch zu gebrauchen? Da hat sie sich schon landeseigene Gesellschaften geschaffen, wie die Wohnungsbaugesellschaften und unter anderem die Berliner Bäderbetriebe, die für das Monbijoubad verantwortlich sind, und dennoch ist die Regierung dieser Stadt scheinbar zu schwach, die Interessen der Bewohner in ihren eigenen Gesellschaften z.B. über den Aufsichtsrat durchzusetzen.

Höchstwahrscheinlich hätte sogar jeder private Betrieb, wie z.B. der Betreiber des blubs schon aus Imagegründen das Kinderbad im Mombi (wie wir Einheimischen den Monbijoupark nennen) diesen Sommer natürlich wieder betrieben. Zweifel kommen mir persönlich sowieso, warum ein Bad, daß mit öffentlichen Geldern im letzten Jahr saniert wurde, nicht rentabel sein soll. Haben die Berliner Bäderbetriebe vielleicht einfach nur eine unrentable Wirtschaftsführung oder korrupte Strukturen?

Mehr Power für den Bürgermeister
Aber so sind sie, unsere Landespolitiker, was sie im Aufsichtsrat nicht durchsetzen, machen sie in der Basisbewegung wieder gut. Oder was haben Sie, Herr Bürgermeister Zeller im Rahmen ihrer Aufsichtsratstätigkeit der Berliner Bäderbetriebe getan, um die Schließung des Kinderbades zu verhindern. Und wenn Sie vielleicht auch der Einzige im Aufsichtsrat waren, der die gesamte Dimension der Schließung erahnen konnte, hätten sie doch vielleicht Verbündete in Ihrer Partei finden können, um diesen Schwachsinn aufzuhalten. Warum verzichtet das Land bei Love-Parade auf die ihr zustehenden Einnahmen, um daraus die durch die Love-Parade entstandenen Schäden zu bezahlen. Das jedoch gibt der große Finanztopf her, das gönnen wir uns mal. Ein kleines Kinderbad aber wie unseres im Mombi ist angeblich in der laufenden Unterhaltung nicht finanzierbar. Warum haben wir Mütter mit unseren Kindern keine Lobby in dieser Stadt? Da tröstet es mich wenig, wenn sie auf der Demo der Betroffenen reden und versichern, daß sie sich weiter für das Bad einsetzen werden. Uns müssen sie es nicht sagen, tun sollen Sie es und nicht die Auswirkungen Ihrer Landespolitik und die von der Koalition selbst geschaffenen Strukturen wie einer Übermutter ansehen, der man ohnmächtig gegenübersteht. Diese Haltung aber wird wohl Konsens in der CDU sein, wir tun so, als ob wir mit der gesamten beschissenen Situation in dieser Stadt nichts zu tun haben, als ob die durch diese Politik geschaffenen Strukturen und Defizite nicht das Ergebnis der Landespolitik dieser Koalition sind und dann immer drauf im Wahlkampf auf diese Probleme. Versprecht dem Wähler ruhig, daß Ihr Euch aber diesmal um Arbeit für alle, um unsere Stadt kümmern werdet, um bezahlbaren Wohnraum usw. usf. Leider fällt unsere Stadt auseinander, Einer gehst in den Swimmingpool auf dem Dach der Sophienstraße, ich kann ihn leider nicht enteignen und dieses Bad der Öffentlichkeit widmen und auch das Mombibad ist zum größten Sandkasten Berlins geworden, keine Alternative zum Kinderbad.

Wen wundert’s, daß so viele Familien mit Kindern an den Stadtrand ziehen und die, die nicht ziehen können, unzufrieden sind. Hoffen wir nur, daß unsere Kids die Sache demnächst selbst in die Hand nehmen, sich nicht nur einmal im Jahr bei Friede-Freude-Love-Parade zudröhnen, sondern unsere Stadt eigenverantwortlich mitgestalten, das Bad ausschippen und das Wasser einfach laufen lassen und daß auch die Eltern nicht vergessen, wem sie diese beschissenen Situation zu verdanken haben und sich nicht weiter mit allgemeinen Leersätzen abspeisen lassen.

Es gibt nicht Viel, was man der Schließung des Monbijoubades abgewinnen kann, bei dieser Hitze genau genommen garnichts, aber vielleicht kann es dafür reichen, in meiner Wut über diese katastrophale Situation einen Weg zu finden. Laßt uns wie früher im Mombibad zusammenkommen, über Gott und die Welt reden und etwas tun.

Karin Baumert

 

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