MieterEcho
Nr. 274 - Juni/Juli 1999

`...notfalls in die Steinzeit zurückbombardieren´* - Zur Strategie des Nato-Luftkriegs gegen die BR Jugoslawien

 

von Michael Heimer

Nach 53 Jahren und 10 Monaten ist der Luftkrieg nach Europa heimgekehrt: Von über 30.000 Nato-Luftangriffen auf die BR Jugoslawien hatten etwa die Hälfte primär zivile Ziele, mittlerweile wird von Natokreisen allein die Zahl der Personenverluste des jugoslawischen Militärs mit bis zu 10.000 Toten/Verwundeten beziffert – über die Zahl ziviler Opfer darf vorerst nur gemutmaßt werden. Hinter dieser Häufung sog. „Kollateralschäden“ steckt weder Willkür noch Unfähigkeit, sondern die Logik einer militärstrategischen Konzeption.

Luftkriegsdoktrin
Als Begründer der Luftkriegsdoktrin gilt der italienische Luftwaffenoffizier Guilio Douhet mit seinem 1921 erstmals erschienen Werk „Il dominio dell’avia“. Seine Grundthese ist, daß die Widerstandskraft des Hinterlandes, insbesondere die Moral der Bevölkerung, im Kriege als sehr labil einzustufen sei.
Hauptangriffsziel ist neben den eigentlichen Streitkräften demzufolge das tiefe Hinterland des Feindes, durch dessen Zerstörung und Demoralisierung
eine rasche Entscheidung herbeigeführt werden soll. Praktisch bedeutet dies eine Kombination aus der Bekämpfung strategischer Ziele (Industrie-/Versorgungs- / Infrastruktureinrichtungen) und Terrorangriffen auf den gegnerischen Staatsapparat und seine lebenswichtigen Zentren. Physische und psychische Zerstörung ist Ziel, nicht Nebenprodukt dieser Strategie.

Fehleinschätzung und Rechtsbruch
Nüchtern betrachtet, stehen dieser Art der Kriegsführung zwei entscheidende Einwände entgegen: es hat sich praktisch erwiesen, daß durch reine Luftangriffe eine entwickelte militärische Struktur nicht zu zerschlagen ist (was noch sehr viel weniger für die dezentral organisierte jugoslawische Bundesarmee gilt), zum anderen in der Zivilbevölkerung das genaue Gegenteil von Demoralisierung bewirkt wurde. Als zweiten Einwand sind die vier Genfer Konventionen von 1949 und das Zusatzprotokoll von 1977 zum humanitären Kriegsvölkerrecht geltend zu machen. In den Abkommen werden u.a. Angriffe auf Bewässerungsanlagen verboten, wird der Schutz der natürlichen Umwelt vor „länger anhaltenden und schweren Schäden“ gefordert und verlangt, daß ein Angreifer alles in seinen Möglichkeiten Stehende zu tun hat, „um sicherzugehen, daß die Angriffsziele weder Zivilpersonen noch zivile Objekte sind“.

Zivile Schäden dominieren
Tatsächlich sind mehr als 200 Fabriken und Kraftwerke, 50 Krankenhäuser, 190 Schulen, 50 Brücken, 5 zivile Flughäfen, mehr als ein Dutzend Eisenbahnlinien und Straßenbahnverbindungen sowie eine bislang unbekannte Zahl von Einrichtungen der Post- und Telekommunikation in der BR Jugoslawien zerstört worden. Es ist nicht gelungen, die Struktur der Streit- und Sicherheitskräfte entscheidet zu schwächen. Statt dessen beläuft sich der unmittelbare, durch die Nato-Bombardements verursachte Sachschaden für das ohnehin wirtschaftlich angeschlagene Restjugoslawien auf eine Summe von schätzungsweise 120 Mrd. US-Dollar.** Addiert man zusätzlich die ökologischen wie ökonomischen Folgekosten, so kann mit Fug und Recht behauptet werden, daß die BR Jugoslawien an die Schwelle eines Entwicklungslandes zurückgebombt worden ist. Luftkrieg ist so die etwas andere Art von Wirtschaftssanktionen und Ausgangspunkt neuer ökonomischer Abhängigkeiten.


* US-General Curtis LeMay am 10. April 1967 zum Luftkrieg gegen die Demokratische Republik Vietnam
** Die Tageszeitung am 5/6. Juni 1999, Seite 5

 

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