Nr. 255 Januar/Februar 96

Friedrichshain
Hausbesetzer/innen fordern: Besetzen statt besitzen

Zehn lange Jahre stand das Haus Palisadenstr. 49 leer - entsprechend sah es auch aus: Vernagelte Fenster, kaputtes Dach usw. usf. Dann wurde es von wohnungslosen Menschen instandbesetzt. Schritt für Schritt wurde die Bewohnbarkeit in gemeinschaftlicher Eigenarbeit wiederhergestellt - am sichtbarsten an den Scheiben in den Fenstern. Damit wurde nicht nur der weitere Verfall des Gebäudes aufgehalten, sondern vor allem Wohnraum gerettet. Und alles ohne jede Unterstützung der Wohnungsbaugesellschaft Friedrichshain, die das Haus verwaltete.
 
Mit der Einheit kam die Rückübertragung an eine Erbengemeinschaft und der Verkauf - 1994 - an den Sanitärgroßhändler Peter Hellmich. Und damit begann auch der Ärger für die Bewohner/innen. Der neue Eigentümer versuchte im März 1994, sich gewaltsam Zugang zu verschaffen. Ein privater Schlüsseldienst zerstörte unter Polizeischutz das Türschloß, die Tür ließ sich aber trotzdem nicht öffnen, so daß der ungebetene Besuch resignierte und wieder abzog.
 
Am 6. Juni 1994 wurden die Bewohner/innen ganz früh durch Hämmern und Beben unsanft geweckt, als ein Bautrupp von ca. 20 Arbeitern die Hauswand an zwei Stellen durchbrach sowie die Haustür zerstörte. Das sofortige entschlossene Auftreten der aus dem Schlaf Gerissenen veranlaßte jedoch die Eindringlinge, das Gebäude wieder zu verlassen. Peter Hellmich beobachtete die Aktion aus einiger Entfernung. Für den Fall des Gelingens seiner eigenmächtigen Räumungspläne hatte er schon Abfallcontainer für die gesamten Sachen der Bewohner/innen anfahren lassen. Umsonst! Übrigens war Peter Hellmich zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal im Grundbuch als Eigentümer eingetragen.
 
Da es ihm nicht gelungen war, die Besetzer/innen mit seinen Brechstangenmethoden (siehe Bild) hinauszubekommen, versuchte er es in der Folgezeit auf gerichtlichem Wege. Hierzu bediente er sich der Hilfe Fritz Bendlins, eines Anwalts, welcher dafür bekannt ist, daß er Hausbesitzern skrupellos bei ihrer Profitgier behilflich ist. So vertrat Bendlin auch schon den Hausbesitzer Lehmann bei der skandalösen Räumungsklage gegen die Familie Dabui, die bereits 32 Jahre in der Charlottenburger Wohnung gelebt hatte, aus der sie dann vertrieben wurde (MieterEcho 244, 249, 250).
 
Das gerichtliche Vorgehen von Bendlin und Hellmich führte am 3.1.96 zu Räumungstiteln gegen zwei Personen. Sie wurden zur Herausgabe der Räume, "die sie zum Wohnen nutzen_, verurteilt. Da die beiden jedoch nicht dort wohnen und somit auch nichts nutzen, können sie auch keine Räume herausgeben. Trotz dieser Ungenauigkeiten bei den Räumungsklagen wird in nächster Zeit der Gerichtsvollzieher in der Palisadenstraße erwartet.
 
Im Hinterhaus des Gebäudes war bislang noch ein mittelständischer Betrieb angesiedelt. Dem Duo Hausbesitzer/ Rechtsanwalt gelang es, durch Versechsfachung(!) der Gewerbemietforderung und mit der Drohung von gerichtlichen Schritten den Betrieb zum 31. Januar 1996 zu vertreiben. In diese Räume will Hellmich vermutlich mit einem Teil seines Sanitärhandels selbst einziehen. Aber die Bewohner/innen des Vorderhauses werden sich auch weiterhin zur Wehr setzen, ihrem Motto folgend:
 
"Pali pleipt! Kein Meter für Peter!
PALI
 
MieterEcho-Archiv | Inhaltsverzeichnis Nr. 255