Berliner Mietergemeinschaft e.V.

Interessengemeinschaft und Beratung für Berliner Mieter

MieterEcho online 06.02.2014

Die Angststarre überwunden

In einem Haus im begehrten Stephankiez in Moabit haben sich die Mieter gleich nach dem Besitzerwechsel zusammengeschlossen. Befürchtet wird Verdrängung durch Luxusmodernisierung

Ein mulmiges Gefühl hatten die Bewohner des Hauses Stephanstraße 46/Havelberger Straße 12 von vornherein, als die Immobilie im Herbst 2013 den Besitzer wechselte. Denn die neuen Eigentümer ließen von vornherein keinen Zweifel daran, dass sie umfangreiche Modernisierungen planen und alle Mieterhöhungsspielräume bis zum Anschlag ausreizen wollen. In dem unsanierten Haus gibt es bislang keine zentrale Heiz- und Warmwasserbereitungsanlage, dafür liegen die Nettokaltmieten deutlich unter den Durchschnittswerten in dem mittlerweile heiß begehrten Kiez. Einige Mieter mit älteren Verträgen zahlen derzeit lediglich drei Euro netto kalt pro Quadratmeter.
Bereits kurz nach dem Eigentümerwechsel machte die nunmehr zuständige Hausverwaltung CORE klar, wo es lang gehen soll. In einem Brief wurde den Mietern angekündigt, dass neben umfassender energetischer Gebäudesanierung auch eine Fernwärmeheizung und ein Fahrstuhl eingebaut werden sollen. Zusammen mit anderen umlagefähigen Modernisierungsaufwändungen müsse daher mit einer Erhöhung der Miete um vier bis fünf Euro pro Quadratmeter gerechnet werden, auch die Betriebskosten würden steigen. Die Arbeiten sollen in diesem Frühjahr beginnen, in dem leer stehenden Seitenflügel des Gebäudes wurde bereits mit der Sanierung gestartet. Bald soll eingerüstet werden, um mit dem Ausbau der Dachgeschosse zu beginnen. Ein zunächst avisierter Vorstellungstermin der drei neuen Besitzer, unter denen sich mit dem Immobilienmakler Eckart Jänichen auch ein alter Hase der Branche befindet, wurde abgesagt, dafür wurden „Einzelgespräche“ angeboten.

Es liegt auf der Hand, dass sich viele Mieter derartige Erhöhungen nicht leisten könnten, und daher taten sie das einzig Richtige: Sie trafen sich, um über eine gemeinsame Reaktion zu beraten und nahmen dabei-vorerst individuell- auch anwaltliche Beratung in Anspruch. Die meisten Mieter seien zunächst etwas verängstigt, aber auch empört über das rüde Vorgehen der Verwaltung gewesen, so ein Bewohner gegenüber dem MieterEcho. Die Einzelgespräche wurden daher abgelehnt. Die Vermieter lenkten ein und gaben sich reuig. Auf einem Mietertreffen habe der Miteigentümer und Architekt Uwe Breywisch eingeräumt, dass das Vorpreschen der Hausverwaltung nicht geschickt gewesen wäre. Künftig sollten sich alle Mieter bei Fragen und Beschwerden direkt an ihn wenden.

Zwar ist die Atmosphäre zwischen Besitzern und Mietern seitdem etwas entspannter, die eigentlichen Probleme sind aber noch lange nicht gelöst. Bislang sind weder Art und Umfang der Modernisierung noch der zeitlich Ablauf der Baumaßnahmen konkret angekündigt worden. Dennoch wird in dem Haus bereits kräftig gewerkelt, was zu erheblichen Beeinträchtigungen durch  Lärm und Dreck führt. Wegen der Arbeiten in den Dachgeschossen haben die Mieter im obersten Stockwerk zudem große Probleme, ihre Wohnungen ausreichend zu beheizen. Daher wollen einige Mieter jetzt prüfen, ob sie eine Handhabe für Mietminderungen haben. Es liegt auch auf der Hand, dass die neuen Besitzer ein großes Interesse daran haben, dass möglichst viele Mieter angesichts der Belastungen und der zu befürchtenden Mietsteigerungen „freiwillig“ ausziehen, denn leerstehende modernisierte Wohnungen ermöglichen – egal ob durch Neuvermietung oder durch späteren Verkauf – eine deutlich höhere Rendite. Im Stephankiez, der in unmittelbarer Nähe zur im Bau befindlichen neuen Zentrale des Bundesnachrichtendienstes liegt, werden mittlerweile für Eigentumswohnungen Quadratmeterpreise verlangt und gezahlt, die auf dem Niveau der  angesagten Szene-Quartiere im Prenzlauer Berg und in Kreuzberg liegen.   

Derzeit wartet man den Eingang der offiziellen Modernisierungsankündigung ab, um sich dann auf einer weiteren Mieterversammlung gemeinsam professionell beraten zu lassen und das weitere Vorgehen zu erörtern. Erfahrungsgemäß weisen derartige Ankündigen oftmals erhebliche formale Mängel auf, was Widerspruchsmöglichkeiten eröffnet. Das betrifft in Fällen wie diesem vor allem die saubere Trennung der Kosten für den Dachgeschossausbau und der Modernisierung der Bestandswohnungen. Auch auf die Einhaltung von Fristen und die ordnungsgemäße Durchführung der Bauarbeiten will man penibel achten. Ein Anfang ist jedenfalls gemacht, um der drohenden Verdrängung nicht widerstandslos ausgeliefert zu sein.     

[Rainer Balcerowiak]

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