Berliner Mietergemeinschaft e.V.

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MieterEcho online 09.06.2016

Ein Jahr Widerstand im Bizim-Kiez

Die nachbarschaftlichen und mietenpolitischen Protestaktivitäten im Kreuzberger Wrangelkiez bzw. ’Bizim-Kiez’ -“Unser Kiez“  - haben eine beeindruckende Fortsetzung erfahren, obgleich der ursprüngliche Anlass der vor einem Jahr in Gang gesetzten Widerstandsaktion seit einer Weile nicht mehr aktuell ist. Die Kündigung des lange in der Wrangelstraße ansässigen Gemüseladens war aufgrund der Proteste vom Eigentümer zurückgenommen worden, und im Frühjahr dieses Jahres hatte der türkischstämmige Inhaber das Geschäft aus gesundheitlichen Gründen von sich aus aufgegeben. Inzwischen hat sich jedoch die zunächst sehr spezielle Protestinitiative zu einer Bewegung ausgeweitet, die keineswegs an ein Aufgeben denkt, die sich um andere von Verdrängung bedrohte Fälle kümmert und die bei ihren regelmäßigen Zusammenkünften die Möglichkeiten einer stärkeren Nachbarschaftssolidarität diskutiert.

 

Zum einjährigen Bestehen der Bizim-Kiez-Initiative gab es am Mittwoch, dem 8. Juni 2016, abends vor dem ehemaligen “Bizim Bakkal“ - ‘unser Laden’ - in der Wrangelstraße Nr. 77 eine große Rückblicks- und Ausblicksveranstaltung, begleitet von einer symbolischen Kartonaktion sowie gegen Ende von Musik und ausgelassenem Tanz auf der Straße. Auf den Plakaten hieß es dazu. “Zum einjährigen Bestehen von Bizim Kiez setzen wir gemeinsam ein Zeichen: In unserem Berlin sollen die Lebensentwürfe der Menschen mehr zählen als die Rendite der Häuser. Wir akzeptieren nicht, dass Entmietung und Verdrängung als gesellschaftliche Normalität gelten, sondern leben das solidarische Miteinander.“
   Der Haupttitel der Veranstaltung, “Da b(r)aut sich was zusammen“, verband beide Seiten des mietenpolitischen Konflikts in einem Wortspiel, einmal (“Da braut sich ...“) als Signal der zunehmend drohenden Verdrängung, zum anderen (“Da baut sich ...) als verschlüsselter Appell zum Aufbau widerständigen Handelns, an diesem Abend spielerisch durchzuführen in Form einer symbolischen Aktion, wie ebenfalls auf den Plakaten angekündigt wurde: “Wir bauen aus 150 persönlichen Bausteinen ein Gebäude des kreativen Widerstandes gegen Verdrängung. Wir machen aus Umzugskisten Beziehungskisten, als Symbol der Beziehungen zwischen uns und dem Kiez.“ Die Kartons waren einige Tage zuvor von Mitgliedern der Initiative, darunter auch von zahlreichen Kindern, bemalt und beschrieben worden.

 

In seinem Rückblick auf die Bizim-Kiez-Aktivitäten seit dem Sommer 2015 ließ Magnus Hengge, der Moderator der Kundgebung, in einer längeren Rede zunächst die Atmosphäre der Anfangsphase noch einmal nacherleben. Er berichtete von dem Schock, den etliche der dort Wohnenden nach der Information über die Kündigung des Gemüseladens empfanden, obgleich sich schon seit Längerem so manches im Umfeld in Richtung Gentrifizierung verändert hatte, so insbesondere in der Falckensteinstraße. Aber dieser Fall brachte quasi, wie Hengge sagte, das Fass zum Überlaufen, denn der seit 28 Jahren von der Inhaberfamilie betriebene Gemüseladen war zugleich ein Ort gewesen, an dem man sich getroffen hatte, ein Stück Heimat für Menschen drum herum. Gentrifizierung trat, nach Hengges Worten, damals als etwas Allgemeines, als ein Grundgefühl, hervor. Nur so war zu erklären, warum nach ein paar ausgehängten Zetteln mit der Aufforderung, zusammen zu kommen und über eine Widerstandsmöglichkeit im Falle des gekündigten  Gemüseladens nachzudenken, sich gleich etwa 100 Leute einfanden. Als zweite Erklärung für die Herausbildung von Ansätzen einer breiteren Bewegung führte er die umsichtige Organisierung schon in einer frühen Phase des Protestes an, so etwa die Bildung verschiedener Arbeitsgruppen und die sinnvolle Verteilung von Aufgaben. Eine präzise und zugleich phantasievolle Durchorganisierung z.B. in Form von Internetpräsentationen, Einbeziehung kultureller Aktivitäten und dgl. fällt, so sei hier als Beobachtung von außen hinzugefügt, bis in die Gegenwart besonders auf.

 

Weiterhin erwies sich schon sehr früh als notwendig und dann als erfolgreich, dass die Gesamtaktion quasi auf zwei Schienen verlaufen musste, zum Einen auf einer der konkreten Hilfe für die Betroffenen, zum Anderen auf einer der politischen Arbeit und Diskussion. Allgemeinere Fragen waren zu stellen wie etwa: Welches sind die Gründe dafür, dass die Bevölkerung von Berliner Stadtteilen im Laufe relativ kurzer Zeiträume ausgetauscht wird, ohne dass auf die Wünsche und die Lebensentwürfe der zuvor dort Wohnenden Rücksicht genommen wird.

 

Über diese ‘politische Schiene’ bewegte sich Hengges Ansprache am Mittwochabend, gelegentlich durch ein Lied vom ‘Bizim-Chor’ oder durch ein Trommler-Solo unterbrochen, vom Thema 'Rückblick' zum Thema ’Ausblicke’. Darin ging es konkret um die Rekommunalisierung in verschiedenen Bereichen, so u.a. um die Forderung, dass Landeseigene Wohnbaugesellschaften gemeinnützig  und nicht profit-orientiert ausgerichtet werden sollten oder um die Einrichtung von Fonds auf Landesebene, aus dem heraus ein ‘Vorkaufsrecht’ realisiert werden kann. Auf einer allgemeineren Ebene der Ausblicke wurden Fragen der Nachbarschaft angesprochen und Fragen eines ’Wir’, das in Kreuzberg ein ‘integratives Wir’ bedeutet mit einer Offenheit und einem Respekt für Menschen anderer Herkunft, anderer Kulturen und Religionen.

 

Nach dieser sehr ausführlichen Hauptrede des Abends und noch vor der happeningartigen Kartonaktion mit verschienen Buchstabenkonstellationen als Slogans konnten Einzelne am ‘offenen Mikrophon’ ihre speziellen Mietprobleme vortragen. Dabei spielte u.a. die Verdrängung von künstlerisch Tätigen aus nicht mehr bezahlbaren Atelierräumen eine Rolle und dann als besonders ausführlich präsentierter  Einzelfall “HG“ mit seinem “Gemischwarenladen mit Revolutionsbedarf M99“ in der Muskauer Straße. Er war schon öfter auf den Mittwochsveranstaltungen von Bizim Kiez aufgetreten, im Rollstuhl sitzend, und fesselte auch jetzt wieder alle Zuhörenden mit seiner überaus originellen Weise zu singen und zu reden. Die Aussichten für sein Ladenprojekt und seine gesamte Lebenssituation erscheinen jedoch nicht originell sondern bitter nach der erfolgreichen Räumungsklage der Hausbesitzer. Eine gewaltsame Vertreibung, die bald bevorzustehen scheint, dürfte in dem Teil von Kreuzberg nicht ohne öffentlich wahrgenommene Widerstandsaktionen durchzusetzen sein, wie bereits das Echo in der Wrangelstraße am Mittwochabend vermuten ließ.

 

Die Bizim-Kiez-Zusammenkünfte werden auch in den folgenden Monaten fortgesetzt, so u.a. an jedem zweiten Mittwoch im Monat jeweils mit einer öffentlichen Veranstaltung in der Wrangelstraße. Insgesamt lässt sich wahrnehmen, optisch etwa an Transparenten und Plakaten an Hausfassaden, Wohnungsfenstern und vor Läden, dass Zeichen einer Widerstandkultur, soweit es um die Bereiche Wohnen und Kleingewerbe geht, den Wrangel-Kiez in einer großen Breite erfasst haben.

Jürgen Enkemann

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